Warum wir leichter fremdes als eigenes Gerümpel loslassen können

Zum Glück kann uns niemand beim Entrümpeln beobachten. Wie wir die selbstgetöpferte Tasse mit der Macke schon zum fünften Mal zurück in ihre Kiste legen und wehmütig mit der Backstreet-Boys-Bettwäsche aus Jugendtagen kuscheln. Wenn es um unser eigenes Gerümpel geht, verhalten wir uns manchmal höchst irrational. Bei fremden Kram hingegen sind wir ganz pragmatisch: Weg damit!

Vor einigen Wochen hatte ich ein seltsames Erlebnis. Ich war an diesem Tag unterwegs zu dem Sozialkaufhaus, dem ich gerne meinen gut erhaltenen Kram spende. Im Kofferraum hatte ich drei Tüten mit ausrangierten Klamotten. Auf dem Weg dorthin bin ich noch bei einer Bekannten vorbeigefahren. Sie hatte ebenfalls ihren Schrank ausgemistet und ich bot ihr an, ihre Altkleidertüten mitzunehmen.

Nun stand ich beim Sozialkaufhaus leider vor verschlossenen Türen. Ich hatte mich bei den Öffnungszeiten geirrt oder es war gerade irgendein Feiertag oder Ferien, ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls war mein Auto proppevoll mit alten Klamotten. Was nun?

Ich erinnerte mich an den Rotkreuz-Altkleidercontainer in unserem Dorf. Dummerweise war der noch voller als mein Auto. Einige Leute hatte ihre Säcke mit Textilien sogar daneben abgestellt. Ein paar Kilometer weiter stehen noch einige Altkleidercontainer, allerdings von der eher zweifelhaften Sorte. Ganz gegen meine Prinzipien fuhr ich dorthin. Zum Glück, dort war noch Platz. Und dann tat ich etwas, das ich bis heute nicht verstehe: Ich steckte nur die Tüten meiner Bekannten in den Altkleidercontainer, meine eigenen behielt ich zunächst und brachte sie später zu dem vertrauenswürdigen Altkleidercontainer.

Meine eigenen Sachen waren mir einfach zu schade!

Paradox, oder? Klamotten sind Klamotten, dachte ich. Und doch fiel es mir schwerer, mich von meinen eigenen als von fremdem Gerümpel zu trennen.

Ausmisten und Entrümpeln sind auch im Fernsehen ganz große Themen. Es gibt verschiedene Sendungen, die sich damit befassen. Ganz schlimm finde ich ja diese Messie-Sendungen, in denen so ein Haus und die Menschen darin erst in jedem Detail gezeigt und dann therapiert werden. Dass Messies professionelle Hilfe erhalten ist eine tolle Sache, aber doch bitte nicht vor den Augen der gesamten TV-Nation.

Allerdings schaue ich gerne Entrümpelungs-Sendungen. Weil man dort sieht, dass sich mit den richtigen Strategien mit Trödel noch gutes Geld machen lässt. Und weil ich immer gerne sehe, wie frei Menschen sind, die sich von ihrem belastendem Besitz getrennt haben.

Als Zuschauer solcher Sendungen denkt man sich öfter: „Warum haben die denn jetzt so ein Problem damit, die verstaubte Plattensammlung zu verkaufen?“ „Was will der Typ denn mit den rostigen Wasserrohren?“ „Und wieso besteht diese Frau bei der Puppensammlung auf diesem Preis? Sie soll froh sein, wenn sie den Kram loswird!“

 

Es ist viel leichter, sich von fremden als von eigenem Gerümpel zu trennen – auch im Geiste.

Rolf Dobelli erklärt den sogenannten „Endowment-Effekt“ oder „Besitztumseffekt“ in seinem Buch „Die Kunst des klaren Denkens„*:

 

„Die einfache Tatsache, dass wir etwas besitzen, verleiht dieser Sache offenbar Wert.“

 

Indem wir etwas unser Eigen nennen, gehen wir eine emotionale Bindung mit diesem Gegenstand ein – und können uns dann nur schwer wieder davon trennen. Das sorgt für Trennungsschmerz, den wir dann entweder dadurch zu lindern versuchen, dass wir einen unrealistisch hohen Preis dafür verlangen, oder indem wir – wie ich mit meinen Klamotten – nach einem vermeintlich guten neuen Besitzer suchen.

Wir spüren den „Endowment-Effekt“ bereits, wenn wir im Supermarkt etwas in unseren Einkaufswagen legen, wenn wir bei Ebay auf einen Gegenstand bieten und manchmal bereits dann, wenn wir etwas nur in der Hand halten. Hätte ich in die Tüten meiner Bekannten reingeschaut, ich weiß nicht, ob ich sie so einfach hätte wegwerfen können.

Noch schlimmer ist dieser Effekt bei Dingen, die wir selber hergestellt haben. Von Selbstgemachtem kann man sich nur ganz schwer trennen, egal, wie hässlich es ist. Das Label „handgemacht“ erhöht zwar oft den Wert einer Sache, doch für einen Fremden ist das oft nicht so stark wie für den Produzenten selber. Ich habe beispielsweise schon einige Bücher gesehen, die total überteuert waren, dem Autor aber so sehr am Herz lagen, dass er oder sie nicht bereit dazu war, sie für einen aus Käufersicht angemessenen Preis wegzugeben.

Leser verhalten sich übrigens oft genauso: Ein Buch, das einem ein paar Stunden des Lebens versüßt hat, gibt man nicht gerne für 15 Cent weg. Oder wirft es freiwillig ins Altpapier.

Wenn ein Außenstehender uns sagt, wie irrational wir handeln, reagieren wir auf zwei Arten: Wir sind beleidigt oder wir erkennen, dass der Andere Recht hat. So ein neutraler Blick von außen kann manchmal Wunder wirken und einem den richtigen Anstoß zum Entrümpeln geben.

 

Und wie bekommt man einen neutralen Blick? Ein paar Vorschläge:

  1. Jemanden bitten, einem beim Entrümpeln zu helfen: Am besten jemanden, der nicht mit dir im Haushalt wohnt oder gewohnt hat (erwachsene Kinder sind dabei schlechte Ratgeber), der pragmatisch ist, nicht gerne hortet und generell kein Problem damit hat, sich von Dingen zu trennen. (Wenn du niemanden kennst, der auf diese Beschreibung zutrifft, dann frag doch einfach mich ;))
  2. Fotos von der eigenen Wohnung machen: Wir sehen unser Umfeld immer nur aus unserem sehr persönlichen Blickwinkel. Manchmal hilft es schon, da eine Kameralinse zwischenzuschalten.
  3. Distanz schaffen: Kommt man gerade aus einem zweiwöchigen Urlaub zurück, sieht die Wohnung irgendwie ganz anders aus. Der Grund ist, dass wir uns in dieser Zeit ein wenig von unserem Zuhause distanziert haben. Besonders, wenn man in einem schönen Hotel genächtigt hat, fühlt sich das eigene Zuhause oft überladen und vollgestopft an. Da sind wir dann auch mal bereit, über den Nutzen des Trockenblumen-Arrangements im Flur nachzudenken.
  4. Umziehen: Kurz vor oder nach einem Umzug fällt es uns leicht, Dinge auszusortieren. Weil wir zum ersten Mal seit vielleicht Jahren wieder bewusst wahrnehmen, was wir alles besitzen. Um diesen Effekt nutzen zu können, musst du dir gar keine neue Wohnung suchen. Du kannst auch nur so tun: Verstaue alle Gegenstände eines Raums oder wenn du mutig bist der ganzen Wohnung in Kisten. Schon beim Einpacken wirst du dich das eine oder andere Mal fragen, ob du das alles wirklich benötigst. Noch deutlicher wird das, wenn du nur die Sachen wieder aus den Kisten herausnimmst, die du benutzt. Was sich nach einer gewissen Zeit, etwa einem Jahr, noch immer in der Kiste befindet, kann also ruhig weg. Es wird ja nicht gebraucht. Wenn du jetzt nicht den Fehler machst und in die Kiste guckst, vielleicht sogar jedes Teil in die Hand nimmst, sondern die Kiste geschlossen spendest, hast du den „Endowment-Effekt“ überlistet.

 

Wobei fiel dir das Loslassen schon mal besonders schwer, obwohl du genau wusstest, dass du diesen Gegenstand nicht brauchst?

 

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10 Kommentare

  1. Leo

    Hallo, hier nur ein Hinweis am Rande: Das rote Kreuz verkauft gespendete Altkleider weiter, die unter anderem in Afrika landen und die dortige Textilindustrie ruinieren. (Quelle: Kaufen für die Müllhalde
    Das Prinzip der Geplanten Obsoleszenz, von Jürgen Reuß und Cosima Dannoritzer)

  2. Lele

    3 Kisten aussortieren: Kiste 1 – behalten, Kiste 2 – weiß nicht, Kiste 3 – weg. Dann Kiste(n) 2 wie unter Punkt 4 behandeln.

  3. Wie recht du hast! Dieser Effekt ist mir zum ersten Mal bei Mutter bzw. Großmutter aufgefallen. Die Omi trennt sich nur sehr, sehr schwer von ihrem Zeug. Mutti will natürlich alles wegschmeißen. Mutti schafft es bei sich zu Hause nicht, weniger Kram zu haben, was ich wieder kritisch betrachte. Und wer in meine Wohnung schaut, wird merken, da ist auch mehr Kram als notwendig.

    Mich überkommen ja immer wieder Entrümpelungsphasen, in denen ich mir denke: weg mit dem Scheiß, braucht nur Platz. Dann gehts wieder ganz schwer, weil einfach keine Lust, keine Zeit.

    Ich sortiere immer einen Teil von allem aus. Einen Teil der Unisachen, einen Teil des Kleiderschranks, des Bastelkrams etc. Aber von einer ganzen Produktgruppe könnt ich mir wahrscheinlich nicht auf einmal trennen. Aber es fällt immer leichter, Dinge wegzugeben, je öfter man aussortiert, weil man einfach nicht mehr so den Bezug zu dem Kram hat.

    Liebe Grüße, Daniela

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