Das kurze Glück des Konsumierens

Menschei im Licht

Vor ungefähr einer Woche habe ich dieses Video entdeckt. Darin geht es darum, wie Menschen zum Konsum erzogen werden. Und prompt habe ich an mir selber gemerkt, dass das stimmt.

Das Video dauert 20 Minuten, ihr solltet es euch aber die Zeit nehmen, es lohnt sich wirklich. Der Neurobiologe Prof. Gerald Hüther erklärt, kurz gesagt, wie wir Konsum zur emotionalen Ersatzbefriedigung wird. Wir erfahren Ablehnung, Selbstzweifel und Schuldgefühle, die uns anerzogen wurden (ein paar Beispiele findet ihr hier). Im Gehirn werden diese anerzogenen Gefühle genauso verarbeitet wie körperlicher Schmerz. Was uns in diesen Momenten fehlt: Zugehörigkeitsgefühle, Geborgenheit, Selbstwertgefühl. Kaufen wir etwas gibt und das einen kurzen Kick, ein Glücksgefühl. Ich glaube Schokolade funktioniert genauso. Wenn wir also den dringenden Wunsch haben, etwas zu kaufen oder den ganzen Schokoladenosterhasen auf einmal zu vertilgen, ist das nur ein Zeichen dafür, dass es uns nicht gut geht.

Vorgestern also stand ich in diesem kleinen Second Hand-Laden und wartete darauf, dass die Besitzern meine aussortierten Schätze auf ihre Wiederverkäuflichkeit prüfte. Ich schlenderte durch die Gänge und stellte fest, dass ich wirklich kein Interesse an Kristallvasen, Teetassen oder einem Herrendiener habe. Das machte mich stolz, denn vorher konnte ich solchen Schnäppchen meistens nicht widerstehen und suchte verzweifelt nach einem Gegenstand, der mein Herz höher schlagen lassen würde (was rückblickend ein schlechtes Zeichen war). Irgendwann pirschte ich mich wieder an den Verkaufstresen heran um zu schauen, ob die Besitzerin schon fertig war mit meinen Klamotten. Da sah ich sie: Eine verknautschte grüne Lederhandtasche, vintage, genau die richtige Größe, 9 Euro. Mein Herz schrie: Kauf sie dir! Mein Verstand hielt sich zurück. Ob ich denn noch was schönes gefunden habe, wollte die Ladeninhaberin wissen. Ich stammelte, dass ich wohl diese Tasche kaufen wolle, ich müsse nur eben mein Portemonnaie aus dem Auto holen. Auf dem Weg zu Ausgang meldete sich endlich mein Verstand: „Du wolltest ein Jahr lang nichts kaufen, was du nicht unbedingt brauchst. Und Taschen hast du wirklich genug, Pia. Du solltest diesen Wunsch wenigstens auf deine 30-Tages-Liste setzen. Hast du denn gar nichts gelernt, du Konsumopfer?!“ Mein Verstand siegte, ich drehte mich um und nuschelte etwas von wegen, nee, doch nicht, schönen Tag noch.

Auf der Rückfahrt habe ich mir vorgestellt, wie praktisch diese neue Tasche gewesen wäre. Das können viele von euch nicht verstehen, aber ich habe halt einen Taschentick. Andere träumen von neuen Handys, die total tolle Sachen können, oder wie sehr Besucher den neuen Wohnzimmerschrank bestaunen würden, ich fantasiere von verknautschtem Leder. Wer weiß, was da für ein psychologisches Problem hinter steckt. Kurz, bevor ich zuhause war, rief ich mich zur Räson. Ich brauche diese Tasche nicht. Der Wunsch geht vorbei.

Gestern dann hatte ich einen ziemlich anstrengenden Tag und eine schwierige Aufgabe vor mir. Also motivierte ich mich morgens damit, dass ich ja auf dem Rückweg in dem Second Hand-Laden vorbeifahren könnte, um mir die Tasche doch noch zu kaufen. Als Belohnung. Hätte ich mir schließlich verdient, wenn ich diese Aufgabe gut erledigt hätte. Heute denke ich: Echt jetzt? Konsum als Belohnung? Sollte ich es nicht mittlerweile besser wissen?

Sollte ich. Aber jahrelang habe ich anders gefühlt und gedacht. Und das lässt sich  nicht einfach löschen. Manchmal möchte ich etwas kaufen, ich sehne mich danach. Ich glaube dann ganz fest, nein, mein Unterbewusstsein glaubt ganz fest, dass ich mich danach besser fühlen würde. Es ist die Droge, die funktioniert, wenn ich mich schlecht fühle. Wer sich mit Alkohol, Zigaretten oder andere Drogen belohnt, merkt sicherlich sehr schnell, dass das gefährlich ist. Wer sich mit sinn- und ziellosem Shopping belohnt, kann sich damit rechtfertigen, dass er letztlich sogar die Wirtschaft angekurbelt hat. Hat man beim Alkohol- und Zigarettenkonsum allerdings auch, schließlich verdient der Staat an jeder Packung und jeder Flasche mit.

Ok, vielleicht ist der Vergleich etwas drastisch. Konsum ist erstmal nicht gesundheitsschädlich. Aber  er entspringt demselben Wunsch, wie der Konsum von Drogen, exzessivem Medienkonsum, übertriebenem Essen oder Sport: Der Suche nach dem kurzen Glücksgefühl, das das Dauerrauschen von Selbstzweifeln, Einsamkeit und Schuldgefühlen unterbrechen soll.

Nach diesem Erlebnis ist mir etwas klar geworden: Wenn ich demnächst den dringenden Wunsch verspüre, etwas zu kaufen, frage ich mich vorher, wie ich mich fühle. Warum ich mich so fühle. Wie ich das dauerhaft ändern kann. Wer glücklich ist, muss nicht konsumieren.

[mc4wp_form]

Leave a Reply

10 Kommentare

  1. Stefanie

    Hallo liebe Pia,

    ich kenne dieses Gefühl sehr gut. Mein gestriger Tag war….sagen wir mal…bescheiden. Und prompt verspürte ich den dringenden Wunsch mir etwas fettiges und süsses gleichzeitig in den Mund zu stopfen. Mein Gewissen hat leider nicht gesiegt, aber wenigstens konnte ich mich für eines der beiden Dinge entscheiden.

    Wie aber belohnt man sich für einen schlechten Tag? Askese ist nicht so das Wahre. Eine Lösung habe ich für mich persönlich leider noch nicht gefunden.

    Liebe Grüße

    Stefanie

    • Maria

      „Wie aber belohnt man sich für einen schlechten Tag? Askese ist nicht so das Wahre. Eine Lösung habe ich für mich persönlich leider noch nicht gefunden.“

      Nach der Antwort suche ich auch noch immer. Bei mir waren es leider in der Vergangenheit auch häufig entweder Essen oder Shopping von unnötigen (hübschen) Kleinigkeiten.
      Ein erster Schritt für mich: Vermeidung. In solcher Laune weder in ein Lebensmittelgeschäft gehen noch ins Einkaufszentrum.
      Im Internet liest man bei sowas häufig: ein Bad nehmen, eine Kerze anzünden blabla, für mich nicht wirklich das Wahre. Letztendlich kann wirksame Alternativen wohl nur jeder für sich selbst herausfinden. Selbstzweifel, Einsamkeit und Schuldgefühle nennt Pia im Post. Die Lösungen sollten wohl also da ansetzen. z.B. jemanden, den man gern hat anrufen gegen die Einsamkeit. Eine Liste machen mit Dingen, die man an sich mag um die Selbstzweifel zu bekämpfen.
      Mein Problem: Im Eifer des Gefechts, wenns mir echt schlecht geht, dann denke ich nicht an solche Lösungsstrategien sondern giere nach der schnellen „Befriedigung“

  2. Hallo Pia!

    Ich mache gerade einen Fernkurs mit dem Thema „genug“

    Eine der Aufgaben war das Video anzusehen, das Du verlinkt hast. Das Thema hat schon was und ich ertappe mich auch immer wieder mal bei „will.haben“

    Aber dann versuche ich dem Gefühl des „genug habens“ mehr Platz zu geben, die Fülle in meinem Leben zu spüren und meist vergeht der Wunsch dann doch sehr schnell wieder.

    Falls nicht, versuche ich herauszufinden, warum das gerade jetzt so wichtig ist. Manchmal sind es sehr alte Muster.

    lg
    Maria

    • PiaMester

      Hallo Maria,

      Was ist denn das für ein Fernkurs? Klingt interessant.

      LG
      Pia

  3. Ach, Taschen und Rucksäcke. Ich habe mir letztes Jahr einen sehr teuren, sehr haltbaren Rucksack einer guten schwedischen Outdoorfirma gekauft und bin immer noch auf der Suche :o) Einfach, weil er an der Vordertasche keinen Reißverschluss hat. Ich habe immer Angst, dass meine Schlüssel herausfallen und in die Haupttasche will ich sie eigentlich nicht packen, weil das auf und zu machen so umständlich ist (ebenfalls kein Reißverschluss). In einem schwachen Moment werde ich bestimmt auch leicht verführt…
    Vermeidung solcher Geschäfte, gerade wenn es einem nicht gut geht, halte ich auch für die beste Lösung.
    Das gilt bei mir auch für Buchläden…

  4. Uh ich weiß ganz genau wovon du schreibst! Mir geht es so ähnlich. Ich halte mich immer wochenlang mit Konsum zurück besser gesagt ich habe überhaupt kein Bedürfnis und dann bricht es über mich herein und ich kaufe in relativ kurzer Zeit einige Sachen. Mah zum Glück gehts hier nicht zum megateure Sachen sondern meist um Bücher (die schon ewig auf meiner Liste stehen) und halt naja nicht sooo toll Kleidung. Und das nervt mich, da mein Kasten aus allen Nähten Platz und ich einfach so furchtbar viel zum anziehen habe das ich gar nicht dazu komme das meiste davon zu tragen und das tut mir ja wiederum leid da ich ja die Sachen gerne tragen würde aber irgendwie ist das gar nicht so leicht wenn man zuviel Auswahl hat ….

    Hui genug geklagt! Toller Beitrag 🙂

    lg

  5. Das mit dem Belohnungseffekt ist eine interessante Theorie.

    Sie ist aber auch schlüssig. So hat sich mein ganzer Kram angesammelt. Für meine Leistung zum Beispiel die bestandene Abschlussprüfung oder die Leistung im Job hab ich mir öfters etwas gekauft. Als Belohnung.

    Mit dem Essen funktioniert das ähnlich. Da hat sich nun auch einiges an „Belohnungsgewicht“ angesammelt. Das Gewicht wieder loszuwerden ist mehr Aufwand wie das ansammeln. Ist bei den Dingen in den 4 Wänden aber auch nicht anders.

    Diesen Belohnungseffekt muss man aber auch anders erreichen können.
    Die Frage ist was der richtige Weg dafür ist.

    Viele Grüße Ralph

  6. Ich hab meine ideale Handtasche. Meinen idealen Rucksack. Da müsste erst was Besseres kommen. Wird aber nicht. Also springt mich nix an in Läden. Ich hab die 30-und-manchmal-noch-mehr-Tage-Liste. Kaufentscheidungen brauchen jetzt länger und sind gut durchdacht. Ich will ja nicht wieder so viel Kram anhäufen. Du?

  7. Lustig, das wirklich inspirierende Video hatte ich vorgestern auch gerade (über Facebook) entdeckt. Ich glaube nicht, dass ich generell unglücklich bin, aber gestern hatte ich einen schlechten Tag und konnte echt merken, dass da das Portmonee lockerer sitzt 🙁 Zum Glück hab ich dann nur was gekauft, was wir sowieso brauchten. Merkwürdig, es war nicht mal was für mich. Offenbar reicht alleine das was Neues KAUFEN aus für den kurzen Belohnungseffekt. Eigentlich traurig.
    Liebe Grüsse,
    Marlene

  8. Cheap Fake Oakleys Free Shipping.American famous Cheap Oakleys will launch its new high-definition polarizer (HDPolarized) products in the countrys major retail chains LensCrafters glasses since May 2010. Oakley HD polarizer.Oakley HD polarizer is the perfect combination of high-definition optical performance and high-tech polarized technology, we passed all the tests of the American National Standards Institute, provides unmatched impact protection and 100% UV protection, effective protection of the eyes, with its best optical properties to provide consumers with clearer, sharper, more realistic visual images. At the same time, its breakthrough innovative technology, also effectively protect your eyes from water, snow or reflected light affect the shiny object, it is the best choice for high-brightness, high-glare environments.Fake Oakleys HD polarizer in Oakley opinion, Oakleys Sunglasses and not just a fashion items but rather a necessity.Oakleys Free Shipping pursuit of innovation created a scientific dficulty, sculptural design and a unique style of traditional thinking challenges. Oakley brand has always continued to seek opportunities to win science and technology, art into the principles of packaging, with excellent design, Cheap Fake Oakleys Free Shipping in the world already has more than 600 patents and 800 registered trademarks and become the hottest world-class brand.Cheap Oakleys Glasses products on the concept of revolution that it is the glasses comfortable, practical, artistic fusion of one. Whether it is product design or choice of materials, have been a series of advanced scientific experiments and testing to ensure its comfort and high quality, and a high degree of integration of function and fashion.OAKLEY fashion Simply put, OAKLEY fashion innovation is fascination, is a challenge to all the rules burning passion, our enthusiasm for technological innovation interested in technically demanding and precise requirements so Cheap Fake Oakleys has a unique set of science, art , hard challenge nventional thinking from the cultural heritage, and very persistent.OAKLEY it first with the most advanced sunglasses vice prestigious series to show us this extraordinary enthusiasm. OAKLEY sunglasses are always in the field of science and technology leader, because the use of high technology to make them again and again beyond the limit, and is the worlds leading, athletes engaged in different projects trial tested under all possible imaginable scenario.