Zum Kaufen verführt

Wie groß der Einfluss ist, den Werbung auf mein Kaufverhalten hat, konnte ich bisher schlecht einschätzen. Erst, seitdem ich versuche, weniger zu kaufen, bin ich mir dessen bewusst geworden. Das Gefühl, etwas kaufen zu müssen, habe ich nicht, wenn ich spazieren gehe, telefoniere oder Wäsche wasche, sondern wenn ich Werbung sehe. Und die ist allgegenwärtig.

Für Anfänger mit beweglichen Daumen – TV-Werbung: „Das Brot hat die Helene Fischer in der Werbung auch gegessen“ habe ich letztens bei einer Grillparty gehört. Hm, schmeckt es deshalb besser? Nicht unbedingt, aber man wird neugierig, möchte das Produkt einmal ausprobieren, das man in den Händen einer Prominenten gesehen hat. Vielleicht, weil man dieser Person unbewusst gerne in der einen oder anderen Hinsicht ähnlicher wäre. Und wenn man das Brot einmal gekauft hat, hat der Hersteller schon gewonnen. Glücklicherweise ist TV-Werbung dank meiner Fernseh-Diät gerade kein Problem für mich. Aber gerade jetzt merke ich, wie stark ich mich davon bisher habe beeinflussen lassen.
Was dagegen hilft: Wegzappen oder den Fernseher ausschalten.

Für Fortgeschrittene – Werbung in Magazinen, Zeitungen, Katalogen: Jeden Sonntag flattert eine kostenlose Anzeigenzeitung in unseren Briefkasten, prall gefüllt mit Prospekten. Die gucke ich mir auch immer gewissenhaft an, aus Gewohnheit. Und dabei fangen die Gedanken an zu kreisen: „Och, das ist aber günstig da, das habe ich schon viel teurer gesehen.“ „Das könnte ich wirklich mal wieder gebrauchen.“ „Sowas habe ich ja schon immer gesucht.“ In diesem Moment entstehen Bedürfnisse und Mangelerscheinungen, die zuvor gar nicht da waren.
Was dagegen hilft: Prospekte direkt im Müll verschwinden lassen.

Für Profis mit Gedächtnislücken – Werbung im Internet: Pop-ups und Werbebanner sind manchmal einfach nur nervig, meistens zu ignorieren und im schlimmsten Fall verführerisch. Denn plötzlich erscheint da in der Peripherie meiner Netzhaut ein Gegenstand, der meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Dem Blick folgt der Mouse-Zeiger und zwei Klicks später fragt mich mein Paypal-Konto auch schon, ob ich die Bestellung abschließen möchte. Einkaufen im Internet ist deshalb so verlockend und gefährlich, weil man für den gesamten Vorgang – von der Begutachtung der Ware bis zur Zahlung – den Schreibtischstuhl nicht verlassen muss. Das Geld verschwindet anschließend unbemerkt vom Konto.
Was dagegen hilft: Das Passwort für das Paypal-Konto ändern und ganz schnell vergessen.

Nur für Experten – Empfehlungen von Freunden und Shopping-Touren: Ein Besuch im Einkaufszentrum mit der Freundin ist wirklich nur etwas für Hartgesottene oder Masochisten. Ich weiß jetzt spontan nicht, zu welcher Gruppe ich mich zählen soll, aber ich habe es getan! Und ich habe widerstanden! Bis auf das Geschenk, das ich sowieso kaufen musste, habe ich mein Portemonnaie nicht einmal gezückt (die 50 Cent für die Klofrau rechne ich jetzt mal nicht mit). Auch Empfehlungen von Freunden können die guten Vorsätze schnell zunichte machen. Nicht ohne Grund haben Werber nachts feuchte Träume von „viralen Empfehlungsmarketing-Kampagnen“. Allerdings möchte ich diese Methode als einzige der oben aufgeführten nicht missen. Denn Menschen, die ich schätze und mag, wollen mir mit ihrer Empfehlung helfen. Und bei solchen Tipps möchte ich nicht weghören.
Was dagegen hilft: Shopping-Center meiden und Freunde so lange und fies beleidigen, bis sie ihre Empfehlungen für sich behalten.

Modernes Teilen und die gutmütige Crowd

Teilen – eigentlich sollte man es öfter tun, ein bisschen was abgeben, meine ich. Da meldet sich das schlechte Gewissen. Dabei teilen wir jeden Tag. Teilen liegt gerade voll im Trend. Der wohl erste dokumentierte Fall einer teilenden Crowd stammt aus der Bibel (mit dem ganzen Glaubens-Kram habe ich nichts am Hut, aber als historische Quelle und für die eine oder andere Anekdote ist dieses Buch schon zu gebrauchen): Jesus teilt ein paar Fische und Brote und sättigt damit ein ganzes Fußballstadion hungriger Fans. Wie er das geschafft hat? Na, durchs Teilen! Ideen zum sinnvollen Teilen sind jetzt, 2000 Jahre nach dieser eindrucksvollen Demonstration, wieder schwer umdacht. Man erkennt viele Konzepte, die auf dem Prinzip des Teilens basieren, an zwei Buchstaben: Co. Da gibt es das Co-Working, bei dem man sich ein Büro teilt, das Co-Housing, bei dem man gemeinsam eine Wohnanlage baut oder umgestaltet, das Co-Driving, auch Carsharing genannt, in Food-Coops kauft man gemeinsam große Mengen Lebensmittel ein, und natürlich gibt es das Crowdfunding. Sicherlich existieren noch mehr Co-Projekte und viele entstehen gerade noch.

In all diesen Fällen hat Teilen einen ungewöhnlichen Effekt: Man hat plötzlich nicht weniger von einer Sache, weil man diese mit jemandem geteilt hat, sondern es wird mehr. Wie im Bibel-Beispiel eben. Und so sieht Teilen heute aus:

Co-Housing: Menschen in Großstädten sehnen sich nach einem Aspekt, der ihrer Meinung nach das Leben auf dem Land schöner macht: Eine überschaubare Gemeinschaft, in der jeder jeden kennt. In der Realität bedeutet die Tatsache, dass in einem Dorf jeder jeden kennt noch lange nicht, dass sich alle liebhaben. Die fehlenden Anonymität, die Großtstädter so bewundern, führt auch dazu, dass potenziell mehr über die Nachbarn gelästert wird. Dennoch spricht mich die Idee des gemeinschaftlichen Bauens sehr an. Erstmals habe ich davon durch diesen Podcast erfahren, während ich auf dem Heimweg vom Skiurlaub war. Das Prinzip hinter solchen Bauprojekten: Menschen schließen sich zusammen, um gemeinsam eine Wohnanlage zu planen und zu bauen. Dabei legen sie Wert darauf, dass nicht einfach ein Mehrfamilienhaus entsteht, sondern ein Gebäude, das die Kommunikation und Interaktion untereinander fördert. Es gibt Gemeinschaftsräume für verschiedene Zwecke (Partykeller, Bibliotheken, Medienräume, Fitnessräume), wodurch die einzelnen Wohnungen kleiner ausfallen können. Das spart Platz und letztlich auch Geld. Aber der wichtigste Grund, warum man sich an einem solchen Bauprojekt beteiligt, ist die Gemeinschaft: Die Bewohner gehen bewusst eine Bindung mit ihren Nachbarn ein, die über das Salz-Verleihen hinaus geht. So funktioniert auch generationsübergreifendes Wohnen: Die Jungen helfen den Alten beim Einkaufen, die Alten hüten dafür die Kinder der Jungen. Würden alle Menschen in Deutschland so denken und handeln, bräuchte man sich über den demografischen Wandel eigentlich keine Sorgen zu machen.

Car-Sharing: Ist in großen Städten bereits sehr populär. Fast jeder große Autohersteller hat ein solches Programm im Angebot: Man leiht sich einfach ein in der Nähe geparktes Auto, fährt damit, so weit man will, stellt es wieder ab und das war´s. Mittlerweile gibt es Internetplattformen (beispielsweise Tamyca, Autonetzer oder Nachbarschaftsauto), die private Autos vermitteln. Dort kann jeder seinen Wagen zum Verleih anmelden oder selbst einen Pkw mieten. Angesichts der Tatsache, dass die meisten Privatautos die meiste Zeit eh nur vor der Haustür stehen, finde ich diese Idee ziemlich sinnvoll: Das spart nicht nur Geld, man schont auch die Umwelt. Jeder, der mal im Stau stand und dabei gemerkt hat, dass in fast allen Autos um ihn herum nur jeweils der Fahrer sitzt, kann dem Carsharing sicher etwas abgewinnen.

Co-Working: Freiberufler, die nicht gerne alleine im stillen Kämmerlein arbeiten, mieten sich für einen Tag oder auch länger in einem Großraumbüro ein. Dort bekommen sie einen Tisch, einen Stuhl, einen Internetzugang und die Möglichkeit, viele nette Gespräche mit den anderen Co-Workern zu führen. Die Idee des Teilens steht hier allerdings nicht so sehr im Vordergrund, die Co-Working-Spaces (Übersicht: www.coworking.de) werden nämlich meistens nicht gemeinschaftlich angemietet, sondern von einer oder wenigen Personen, die damit auch Umsatz machen wollen. Trotzdem zeigt die Popularität solcher Arbeitsplätze, dass der Mensch einfach nicht fürs Alleinsein geschaffen ist. Kooperieren und Teilen sind also ziemlich natürliche Wünsche.

Food-Coops: Bioläden sind dir zu teuer? Dann gründe doch einfach selbst einen! Biolebensmittel boomen, weil Chemikalien im Essen ekelig sind und Massentierhaltung für ein schlechtes Gewissen sorgen. Bio ist gesund, ethisch und ökologisch korrekt (hoffentlich) — aber leider auch ziemlich teuer. Findige Köpfe schaffen sich daher ihre eigenen Bioläden, privat allerdings. Dabei tun sich wieder einige Leute zusammen und gründen im Idealfall einen Förderverein. Die Mitglieder dieses Vereins mieten einen Raum an, der zum Lager/Verkaufsraum umgestaltet wird. Dann kaufen die Mitglieder der Food-Coop gemeinsam in großen Mengen Lebensmittel ein, was insgesamt günstiger ist als die Single-Packung aus dem Bio-Supermarkt. Was gekauft wird, entscheiden die Mitglieder gemeinsam. Die Lebensmittel werden in dem Raum gelagert, zu dem jeder einen Schlüssel hat. Einkaufen funktioniert dann so, dass man sich die Dinge nimmt, die man braucht, die Mengen aufschreibt (Ehrlichkeit muss da einfach sein), und am Ende des Monats für seine Einkäufe bezahlt. Die Arbeiten rund um diesen privaten Tante-Emma-Laden werden unter den Mitgliedern aufgeteilt. Die Vorteile einer Food-Coop liegen auf der Hand: Günstige, qualitativ hochwertige Lebensmittel, von denen man weiß, woher sie kommen. Und einkaufen kann man auch rund um die Uhr.

Crowdfunding: Beim Geld hört der Spaß und die Freundschaft ja bekanntlich auf. Geld nährt Neid, Gier und Unzufriedenheit (hört sich krass an, aber denkt doch mal drüber nach….). Nur: Ohne Geld lassen sich tolle Projekte nicht verwirklichen. Seit mehreren Jahren schon finanzieren in den USA Kreative ihre Projekte mit Hilfe der Crowd, also ihren Unterstützern und Freunden (Fans?). Seit kurzem gibt es solche Plattformen auch in Deutschland, beispielsweise startnext.de und Krautreporter.de für journalistische Projekte. Nicht immer kommt das benötigte Kleingeld für eine Idee zusammen. Einer, der bei der Finanzierung seiner Ideen immer auf seine Crowd zählen kann, ist Van Bo Le-Mentzel, der zunächst durch seine Hartz-IV-Möbel und das gleichnamige, Crowd-finanzierte Buch berühmt wurde. Jetzt hat er den Turnschuh-Klassiker „Chucks“ von Converse „nachgebaut“, und zwar unter fairen Produktionsbedingungen. Die Realisierung erfolgte wieder über startnext.de. Van Bo Le-Mentzel lebt das Prinzip des Teilens: Die Baupläne für seine Möbel, also sein Wissen, gibt es kostenlos auf seinem Blog, sogar persönliche Entscheidungen teilt er mit seiner Crowd. „Unsere Crowd ist nicht böse, sie wird sich für das Beste entscheiden“, ist dabei seine feste Überzeugung. Guckt euch dazu doch mal dieses Interview mit Ulrike Langer an, Van Bo Le-Mentzel spricht darin auch Dinge an wie neue Produktionswege („Crowducing“) und den Wert des Geldes.

Teilen macht Sinn, weil man letztlich mehr bekommt, als man gegeben hat. Teilen macht glücklich (das Gehirn reagiert aufs Spenden genauso wie auf Essen oder Sex). Teilen verbindet, weil man ja — logischerweise — mindestens eine zweite Person dazu braucht.

Kennt ihr noch weitere Beispiele, wo sich Teilen lohnt?