Wie funktioniert das Zusammenleben mit einem Nicht-Minimalisten?

Vor ein paar Monaten drehte sich mein Freund eines Abends zu mir um und fragte: „Was ist, wenn uns dein Minimalismus irgendwann im Weg steht?“ Diese Frage beschäftigt mich schon lange. Wie erklärt man Familie und Freunden seine Vorstellungen von einem minimalistischen Leben, ohne sie zu verprellen? Wie können Minimalisten und Nicht-Minimalisten zusammenleben?

Jeder Mensch lebt anders, deshalb kann ich dir auch nur erzählen, wie ich mit diesem Problem umgehe. Denn es ist ein Problem. Du lebst mit jemandem zusammen und plötzlich merkst du, dass du vieles nicht mehr willst. Nicht mehr besitzen willst, nicht mehr tun willst. Es geht ja nicht nur darum, den eigenen Besitz zu reduzieren, auf dem Weg zum Minimalismus stellst du ja fast jeden Bereich deines Lebens in Frage. Wenn du dich entscheidest, minimalistisch zu leben, betrifft das nicht nur dich, sondern auch deine Angehörigen. Wie kann man es schaffen, die Beziehung nicht auch gleich wegzureduzieren?

Ein paar Worte zu uns: Ich kenne meinen Freund seit der fünften Klasse. Seit über acht Jahren sind wir ein Paar, seit 2008 wohnen wir zusammen in einer 80 m² großen Wohnung in einem Zweifamilienhaus in einem kleinen Kaff im Sauerland. Wir verstehen uns gut mit unseren Vermietern, unsere Familie und Freunde wohnen alle in der Nähe. Kinder haben wir keine, aber das konntest du dir wahrscheinlich schon denken, weil ich hier im Blog nie Kinder erwähnt habe. Denn Eltern reden über ihre Kinder. Wenn sie das nicht tun, ist das irgendwie komisch.

Mein Freund ist fest angestellt in einem mittelständischen Unternehmen, ich betreibe seit 3 Jahren „Selbstverwirklichung“ (seine Worte). Ich mag Städtereisen, er fährt lieber ans Meer oder zum Skifahren. Er kennt sich mit Autos und Computern aus, ich mich mit Büchern und Basteltechniken. Wir sind sehr unterschiedlich, aber das ist gut so, weil wir die Interessen und Ansichten des anderen tolerieren und akzeptieren und sich jeder auf seine Weise entfalten kann. Das war nicht immer leicht. Aber beim wem ist es das schon? Wir sind ein Paar, beste Freunde, und ein großartiges Team.

Vor ungefähr zwei Jahren begann ich, mich für den Minimalismus zu interessieren.

Ich fing an, alles Mögliche zu entrümpeln, infrage zu stellen, loszuwerden. Anfangs fand mein Freund das wohl auch ganz gut, weil zum Beispiel mein Kleiderschrank aus allen Nähten platzte und ich schon Teile seiner Schrankhälfte besetzt hatte. Ich würde seine Sachen niemals anrühren und habe niemals radikal entrümpelt, deshalb hielten sich seine Sorgen wohl auch in Grenzen. Doch es gibt in so einem Haushalt eben auch viele Gegenstände, die man gemeinsam benutzt und besitzt. Da kommt es dann doch mal zu Diskussionen. Beispielsweise ist unser Fernseher nun schon 5 Jahre alt. Er funktioniert jedoch meistens noch einwandfrei. Ich sehe es nicht ein, ihn gegen ein neueres Modell zu tauschen, mein Freund jedoch ist fasziniert von technischen Geräten aller Art und würde ihn lieber heute als morgen ersetzen. Noch ist diese Schlacht nicht entschieden.

Mein Freund ist im Grunde selber Minimalist, er würde sich nur nie so bezeichnen. Er hasst Shopping und besitzt nicht übermäßig viele Kleidungsstücke. Er strebt genauso wie ich nicht nach Statussymbolen. Er schätzt sein Privatleben und lebt nicht nur für die Arbeit. Wir sind in vielen Punkten unterschiedlich, aber bei den wichtigen doch einer Meinung.

Die meisten Menschen in meiner Umgebung akzeptieren meine Ansichten, wenn sie denn überhaupt zur Sprache kommen.

Denn ich versuche niemals, jemanden zu missionieren. Spricht mich jemand auf Minimalismus an, erkläre ich, was dahinter steckt. Ich sage, dass ich mich jetzt öfter frage, was ich wirklich brauche und was überflüssig ist. Dass ich so Geld und Zeit spare und entspannter bin. Aber ich akzeptiere, dass andere Menschen auf andere Dinge Wert legen. Dass sie gerne shoppen gehen und gewisse Dinge brauchen, um sich in ihrer Haut wohlzufühlen. Dass sich Menschen in unterschiedlichen Maßen darüber definieren, was andere von ihnen denken. Dass Kaufen ein gutes Gefühl gibt und Weggeben Verlustängste weckt. Dass nicht jeder Lust und Zeit hat, sich damit auseinander zu setzen.

Meine Mutter fragte mich einmal entsetzt, ob ich denn jetzt Asket würde? Sie hat wahrscheinlich die Horrorvorstellung, dass ich in eine selbstgeschreinerte Holzhütte ziehe und mich nur noch von Wildkräutern ernähre. Ich finde es schade, dass Minimalismus so falsch verstanden wird. Nein, ich möchte niemals in eine Hütte ziehen und Wildkräuter sind nicht mein Ding. Extreme mag ich nicht. Ich lebe ziemlich normal, nur mit weniger Druck und weniger Stress. Es ist so, wie ich leben möchte. Es ist genug, jetzt in diesem Augenblick sogar genau richtig. Ich lasse mich gerne von anderen Menschen inspirieren, aber ich möchte niemanden nachmachen.

Tja, und die Moral von der Geschichte? Nein, der Minimalismus wird uns nicht auseinanderbringen. Weil ich es in der Hand habe, wie weit ich Minimalismus leben will.

Und hier das Ganze noch einmal zusammengefasst:

Kann ich jemanden davon überzeugen, ebenfalls minimalistisch zu leben? Nein, du kannst nur ein Vorbild sein. Versuche niemanden zu missionieren oder zu ändern, sonst schlägst du denjenigen ganz schnell in die Flucht. Ändert er so sie sich nur aus Liebe zu dir, aber nicht aus Überzeugung, wird euch das irgendwann einholen.

Was mache ich mit den Bereichen, die uns beide betreffen? Sprich mit dem anderen darüber. Geh Kompromisse ein. Mal setzt du dich durch, mal der andere.

Muss ich auf den Minimalismus verzichten, um den anderen zu halten? Nein. Wenn doch: siehe oben. Ich glaube zwar, dass man sich in einer Beziehung – und zwar nicht nur zu einem Partner, sondern auch in Freundschaften – immer ein Stück weit verändert. Aber wenn es um deine innersten Überzeugungen geht, musst du bleiben können, wie du bist.

Was ist, wenn ich in einer kleinen, aufgeräumten Wohnung leben will, mein Partner aber vom Gegenteil träumt? Wer sagt, dass ihr unbedingt zusammen wohnen müsst? Warum behält nicht jeder seine Wohnung und richtet sie so ein, wie er oder sie es mag? Ok, ihr wollt eine Familie gründen oder habt schon eine, da ist das schwieriger. Dann versucht wenigstens, jedem einen privaten Raum zu schaffen. Falls es nicht möglich ist, dass jeder sein eigenes (Schlaf-)Zimmer hat, richtet euch private Ecken ein, euer eigenes kleines Reich. Oder ihr beschließt, dass jeder einen Raum ganz nach seinen Vorstellungen einrichten darf.

Ich möchte weniger arbeiten, aber mein Partner sagt, dass wir uns das nicht leisten können. Was soll ich tun? Erstmal musst du feststellen, ob das stimmt. Rechne alles durch: Welche Kosten könntet ihr streichen, worauf problemlos verzichten? Was würde es dir und vor allem euch bringen, wenn du weniger arbeitest? Vielleicht träumt dein Partner ebenfalls vom Downsizing, aber hat Angst vor diesem Schritt? Sprecht über dieses Thema, erklär ihm oder ihr deine Gründe und die Vorteile für euch beide.

Meine Familie und Freund halten meinen Minimalismus für einen Spleen. Wie erkläre ich ihnen, dass das keine vorübergehende Idee, sondern eine Lebenseinstellung ist? Willst du dich wirklich auf diese Diskussion einlassen? Zeig ihnen doch einfach, dass du es ernst meinst, indem du an deiner Lebensweise festhälst. Ansonsten: Jeder Mensch klagt ab und zu über Zeitnot, Geldnot, mangelnde Freiheit. Kurz: Er jammert. Wenn sich jemand bei dir ausheult, deute doch kurz an, dass du diese Probleme aufgrund deiner Lebenseinstellung nicht mehr hast. Sei nicht schadenfroh, sondern hilfreich. Vielleicht fällt der Groschen beim anderen ja auch irgendwann.

Welche Erfahrungen hast du damit gemacht? Verstehen deine Familie und deine Freunde deinen Minimalismus? Wie erklärst du es ihnen?

 

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17 Kommentare

  1. Es anderen Leuten zu erklären, ist manchmal etwas schwierig, aber es zeigt meistens Wirkung: Meine Familie fängt zumindest schon mal mit dem Entrümpeln und Ausmisten an. 🙂

    Und sonst stellt es nicht wirklich ein Problem dar, denn ich verstehe, wenn der Lebensstil bei anderen Menschen anders aussieht. Klar kann es passieren, dass ich mich in den Räumen anderer unwohl fühle, weil dort zu viel drin ist. Das zerrt mich aber nicht in ein Tief, weil ich mich auf die Menschen und ihre Bedürfnisse konzentrieren, wenn ich sie besuche, nicht auf ihr Zeug.

    Lieber Gruß,
    Philipp

    • PiaMester

      Hallo Philipp,

      Bei Besuchen stört mich das auch nicht. Ich weiß dann ja, dass ich bald wieder weg bin. Und ich finde es immer interessant zu sehen, wie andere wohnen. Auch wenn das überhaupt nicht mein Stil wäre.

      LG
      Pia

  2. Zusammenleben Sammler/Minimalistin passte nicht. Würde ich auch nicht mehr wollen! Ich will meinen Lebensstil leben. Ohne Kompromisse!!! Mit mir kann man auch keine Gartenarbeit machen. Weil ich alles rausreiße. Auch wenn’s blüht. Ich finde Blumen am schönsten, wenn sie nicht da sind. 🙂 Schade, dass du nicht in die Hütte ziehst. Ich mag Extreme.

    • PiaMester

      Oha, dann wäre die Hütte aber auch nichts für dich. Die gibts nämlich nur mit Selbstversorgergarten und freilaufenden Hühnern.

      Wenn mehr Menschen die Meinung der anderen tolerieren würden, denke ich manchmal, wäre alles viel leichter. Leben und leben lassen oder eben Jeder so, wie er/sie will.

    • Ralf

      Das ist das Traurige an den Extremen: Sie neigen immer und ausschließlich dazu, Gegen-Extreme zu bilden und somit zu Auseinandersetzungen, Streit, Kampf, Hass, Krieg etc. zu führen.

  3. Dein Beitrag bringts auf den Punkt! Klasse.
    Ich finde es am besten, sich durchgängig erstmal auf die eigenen Bereiche zu konzentrieren. Statt überzeugen finde ich ebf. selbst vorzuleben, insb.: „es geht mir gut, so wie ich bin und lebe!“ Das stößt dann im näheren und weiteren Umfeld schon immer wieder auf Erstaunen, Ungläubigkeit, Verdutztheit, manchmal fast ein lähmendes Erstummen.
    Gem. Wohnung und Leben in einer Beziehung: Selbst dann, wenn in den gemeinsamen Bereichen mehr Zeugs rum steht, als ich es in einer Single-Wohnung umsetzen würde: Ich bin seit 11 Jahren kein Single mehr
    – und das ist auch schön so. Es gibt dadurch natürlich immer mal wieder Reibungsflächen. Aber da ich gerne in einer Beziehung lebe (ebf. mit Nicht-Minim.), gehts hier oder da halt nur mit Kompromissen (in denen beide Seiten sowohl sich durchsetzen,a ls auch zurück nehmen müssen) – und der wohl größten Herausforderung: den eigenen Anspruch an Minimalismus gelegentlich auch mal zu minimalisieren.

    • PiaMester

      Hallo Gabi,

      Das hast du schön gesagt. Den eigenen Anspruch minimalisieren können, das finde ich auch ganz wichtig.

      LG
      Pia

  4. christine

    Wenn der Partner sagt, dass weniger Arbeiten nicht drin ist, ist es der falsche Partner. Dann sollte man sich gründlich überlegen, ob man mit so einem Menschen weiterhin zusammenleben möchte. Jeder bestimmt selbst über sein Einkommen, nicht der Partner. Bevormundung gehört nicht in eine Partnerschaft. Tut mir leid, da bin ich mittlerweile rigoros.
    Man reduziert ja nicht die Erwerbstätigkeit, weil man keine Lust mehr hat, sondern weil man sich vor allem gesundheitlich und seelisch davon Vorteile verspricht. Genau das tritt ja auch ein, dass man mehr Ruhe im Alltag findet und unterm Strich mit weniger Geld und weniger Besitz wesentlich glücklicher ist.
    Außerdem ziehen die meisten Partner bei Minimalisierung gerne mit. In erster Linie geht es um mehr Lebensqualität und weniger Stress in der Freizeit, weniger Ballast und mehr Freiheit. Davon profitieren beide gern, sobald die Wohnung übersichtlicher ist und das Paar mehr Zeit miteinander verbringt.

    • PiaMester

      Hallo Christine,

      Im Grunde stimme ich dir zu: Jeder hat das Recht für sich selber zu bestimmen, wie viel oder was er oder sie arbeiten und verdienen möchte. Nur manchmal, ich denke gerade für Familien, ist es nicht so leicht, auf einen gewissen Anteil am Einkommen zu verzichten. Weil man gemeinsame Verpflichtungen eingegangen ist, die nicht nur an einem Partner hängenbleiben dürfen.
      Allerdings glaube ich, dass das ganz viel Spielraum ist. Und wenn man sich so viele Schulden und Pflichten ans Bein bindet, dass man auf keinen Cent verzichten kann, sollte man sowieso etwas ändern.

      LG
      Pia

  5. Schreibst du von mir und meinem Mann? Nur dass wir früh Kinder bekommen und später nochmals nachgelegt haben. Wir zwei beeinflussen uns gegenseitig, ganz ohne Druck auszuüben. Das läuft, nicht von heute auf morgen, aber auf längere Sicht. Dazu noch unter einem Dach mit 3 Nachkommen (20,18+7), von denen der älteste Messietendenzen hat (im Ernst), das klappt nur noch, wenn man seine Vorstellungen und Erwartungen ans perfekte Leben minimiert. Oder die Kinder rechtzeitig zur Pubertät ins Internat schickt 😉 Und wenn die Familie wächst, die Kinder studieren gehen, dann freuen wir uns drüber und arbeiten mehr. Aber ich weiß wofür und habe einen Beruf, den ich gern mache (wenn auch nicht ganz aus Jux und Tollerei). „Die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen“.
    lg Petra

    • PiaMester

      Hallo Petra,

      „Die Vorstellungen und Erwartungen ans perfekte Leben minimieren“, schön gesagt.

      LG
      Pia

  6. Pingback: Wie Minimalismus in einer Partnerschaft funktionieren kann. | Apfelmädchen & sadfsh

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