Warum ich kein digitaler Nomade sein möchte

Warum ich kein digitaler Nomade sein möchte

Als digitaler Nomade die schöne weite Welt bereisen und von überaus arbeiten? Der Traum vieler Menschen. Ich bin an einem Punkt, an dem ich das theoretisch auch könnte. Aber ich habe einfach keine Lust dazu.

Beim Minimalimus-Treffen am vergangenen Samstag in Frankfurt hat Andrea von weggedacht.de einen tollen Vortrag darüber gehalten, wie sie und ihr Mann ihr Leben in Richtung digitales Nomadentum verändern und was das überhaupt bedeutet. Ich verfolge diese Szene jetzt schon seit einer ganzen Weile, sie fasziniert mich ungemein. Und gleichzeitig merke ich immer mehr, dass das nichts für mich ist. Bei diesem Vortrag ist mir das nur umso klarer geworden. Das hier wird also meine persönliche Pro- und Contra-Liste.

 

Welche Ideen der digitalen Nomaden ich einfach genial finde

 

Ortsunabhängigkeit

Manche Menschen pendeln jeden Tag zur Arbeit, wohnen vielleicht sogar an ihrem Arbeitsort und sind nur am Wochenende zuhause bei der Familie. Diese Vorstellung fand ich schon immer grausig. Ich bin eine Zeit lang ebenfalls gependelt, jeden Morgen zwei Stunden mit Auto, Zug und zu Fuß hin und jeden Abend zwei Stunden zu Fuß, mit dem Zug und dem Auto zurück. Der Job und die Kollegen waren toll, aber diese Zeitverschwendung war ätzend. Ich wusste, dass ich sowas nicht auf Dauer wollte. Damals habe ich schon nicht verstanden, was diese körperliche Anwesenheit so unabdingbar machte. Warum nicht viel mehr Mitarbeiter auf Home-Office-Tage gepocht haben. Vor allem, da es problemlos möglich gewesen wäre. Wahrscheinlich, weil es immer schon so war.

Ich lebe in einem kleinen Kaff, zur nächsten Medienmetropole ist es weit. Die Jobauswahl für Journalisten oder Schreiberlinge wie mich war und ist hier sehr beschränkt. Mir blieben nach der Ausbildung also genau drei Möglichkeiten:

1. Wegziehen und Karriere machen.

2. Einen Job in der Gegend annehmen, der aber nicht dem entspricht, was ich tun kann und möchte.

3. Mir mein eigenes ortsunabhängiges Business aufbauen.

Dank der digitalen Nomandebewegung bekam ich eine Ahnung, wie Nr. 3 funktionieren könnte. Also habe ich das probiert.

 

Eigene Produkte erstellen

Als ich als freie Journalistin in die Selbstständigkeit startete, dachte ich noch, dass jetzt das große Klinkenputzen auf mich zukäme. Klassischerweise denken sich freie Journalisten Textideen aus und bieten diese dann Redaktionen an. Wer gut und geschäftstüchtig ist, verkauft ein und dieselbe Idee an mehrere Redaktionen.

Ein anderer Weg ist, sich bei einer Redaktion als „fester Freier“ zu etablieren und von diesen immer wieder Aufträge zu erhalten oder sogar als Pauschalist wie ein normaler Redakteur im Tagesgeschäft eingesetzt zu werden (wozu man natürlich vor Ort sein muss, so funktionieren Redaktion eben seit 150 Jahren). Letzteres habe ich zwei Jahre lang gemacht und war auch ganz glücklich damit. Was mich allerdings nervte: Ich baute mir nichts Eigenes auf, war immer abhängig davon, ob dem jeweiligen Redaktionsleiter oder Chefredakteur meine Nase und meine Honorarvorstellungen passten. Wenn ich einen Tag lang in einer Redaktion geschuftet oder jemandem einen Text verkauft und mein Honorar erhalten hatte, war meine Arbeit verpufft. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich mir ein Portfolio aufbaute oder sogar empfohlen wurde. Ich tauschte Zeit gegen Geld, aber nicht gegen Sicherheit jetzt oder in der Zukunft. Klar, ich hätte größeren, besser zahlenden, renomierten Redaktionen meine Texte verkaufen können, aber ich hasse Kaltaquise. Irgendwo anrufen und mich verkaufen – da wird mir jetzt schon ganz flau im Magen.

Doch dann las ich „Die 4-Stunden-Woche“ von Tim Ferriss und Blogs digitaler Nomaden und dachte mir: Warum sollte ich mein Glück in die Hände anderer Menschen legen? Warum meine Ideen und Geschichten erst über den Umweg eines Verlags zu den Lesern bringen? Warum nicht direkt? Also startete ich diesen Blog und schrieb mein erstes E-Book „Minimalismus im Kleiderschrank„. Es auf eigene Faust zu versuchen war die beste Entscheidung meines Lebens.

 

Minimalismus

Besitz stört solange nicht, wie man ihn nicht bewegen muss. Viele digitale Nomaden sind Minimalisten, besitzen nur noch ein paar Erinnerungstücke und ansonsten das, was sie im Koffer mitnehmen könne. Ich glaube, dass Reisen ein toller Weg ist, um sich dem (materiellen) Minimalismus anzunähern. Denn wenn man packt, ist man gezwungen, jeden Gegenstand auf seinen Gebrauchswert zu prüfen.

 

Welche Aspekte des digitalen Nomadentums mich nicht reizen

 

Arbeiten, während man reist

Digitale Nomaden wählen diesen Lifestyle ja vor allem, um mehr, länger und intensiver reisen zu können. Arbeit und Urlaub werden nicht mehr getrennt. Und genau das wäre nichts für mich. Wenn ich im Urlaub bin, dann habe ich keinen Bock zu arbeiten. Ich möchte dann offline sein, keine Mails beantworten, keine sozialen Netzwerke checken, nicht ständig auf dem Laufenden sein müssen. Wenn ich reise, möchte ich mich ganz auf diesen neuen Ort konzentrieren. Habe ich ständig den Gedanken im Hinterkopf, dass ich aber doch noch arbeiten müsste, kann ich das nicht.

 

Allein reisen

Es gibt in der Welt viele Hotspots für digitale Nomaden und man trifft bestimmt oft bekannte Gesichter, dennoch sind viele digitale Nomaden vorwiegend alleine unterwegs (sofern sie nicht das Glück haben, dass der Partner genauso tickt). Ich reise nicht gerne allein. Mal ein Städtetrip am Wochenende, Ok, aber ansonsten reise ich am liebsten mit jemand anderem oder sogar in der Gruppe. Dabei ist es mir auch ziemlich egal, wohin, Hauptsache ich habe Menschen dabei, die ich mag.

Viel unterwegs zu sein bedeutet eben auch, dass man Familie und Freunde lange Zeit nicht sieht. Und das ist wohl der Punkt, der mich am meisten abschreckt dabei.

Meine Einstellung zum Reisen habe ich hier schon mal erklärt: Reisen? Muss das sein?

 

Bürokratie, Organisation und andere komplizierte Probleme

Einfachheit bedeutet für mich auch, dass man sich das Leben nicht unnötig kompliziert macht. Ich glaube, digitaler Dauerreisender zu sein, kann ganz schön kompliziert werden. Ständig muss man nach einer neuen Bleibe suchen, Flüge buchen, Angelegenheiten in der Heimat irgendwie von unterwegs aus erledigen, nach einer vernünftigen Internetverbindung suchen. Auch bin ich mir nicht sicher, ob das für immer funktioniert. Sicher, man kann auch mit Familie reisen, aber ich denke, der Kompliziertheitsfaktor multipliziert sich dadurch noch.

Allerdings muss ich zu diesem Punkt noch sagen, dass ich nicht finde, dass ein einmal eingeschlagener Lebensweg zwangsläufig für immer sein muss. Ein paar Jahre durch die Welt reisen, dann Familie bekommen und in der Rente dann nach Nepal auswandern und Lamas züchten – warum nicht?

 

Mein Fazit: Digital ja, Nomade nein.

Aber hey! Warum sollte man sich überhaupt auf eine bestimmte Lebensweise festlegen? Es gibt bestimmt auch analoge Nomaden und eben digitale Sesshafte, es gibt minimalistische Sesshafte ohne Kinder und maximalistische Nomaden, die mit Großfamilie reisen. Ich für meinen Teil picke mir lieber aus jeder Idee das für mich beste heraus und kreiere meinen eigenen Lebensstil. Schubladen kann ich nämlich nicht leiden 😉

Wie stehst du zum digitalen Nomadentum? Was findest du gut, was nicht, was machst du schon und was würdest du gerne?

 

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20 Kommentare

  1. Hallo Pia,
    ich glaube, die Vorstellung eines digitalen Nomadenlebens ist für viele irgendwie reizvoll.
    Was mich reizen würde: die Freiheit. Dass ich weg könnte, wenn ich wollte. Ob ich es wirklich tun würde, weiß ich nicht.
    Mir würde mehr Freiheit, mehr Selbstbestimmtheit im normalen Leben wohl reichen. Mir den Tag selber frei einteilen zu können; keinen Chef mehr haben; mit meiner Leidenschaft Geld verdienen- das fände ich genial. Aber quer um den Erdball müsste ich wohl nicht reisen…

    Viele Grüße
    Bettina

    • Pia

      Hallo Bettina,

      Genau so sehe ich das auch. Allein die Freiheit zu haben, theoretisch immer reisen zu können, reicht mir schon.

      LG
      Pia

  2. Reisen an sich ist ja schön. Bei meinem Beruf käme das aber nicht in Frage. Mir reicht es so schon beruflich im Auto regelmässig von A nach B zu fahren. Es nervt.

    Mal angenommen, ich hätte einen Beruf, wo Digitalnomade möglich wäre, würde ich es nicht tun, weil:
    Ich klar haben möchte, wann ich arbeite und wann nicht.
    Die Flugkilometer einen miserablen ökologischen Fussabdruck hinterlassen würden.
    Ich keinen Bock auf Organisieren hätte: Wo schlafe, esse ich?
    Mir die Freunde Zuhause fehlen würden.
    Weil ein Zuhause haben etwas sehr schön ist.

    • Pia

      Hallo Gabi,

      Die Sache mit dem ökologischen Fußabdruck schwebte mir auch im Hinterkopf herum. Ich glaube, ich bekäme irgendwann ein schlechtes Gewissen weil ich ja weiß, wie schlecht das für unseren Planeten ist.

      LG
      Pia

  3. Pingback: Digitale Nomaden – mein Vortrag auf dem Minimalistentreffen in Frankfurt am 18. Juli | Weggedacht

  4. Ich möchte auch kein digitaler Nomade sein und manchmal stört es mich fast ein wenig, dass Minimalismus so häufig damit gleichgesetzt wird. Selbst, wenn ich einen Beruf wie du hätte, der für das ortsunabhängige Arbeiten geeignet wäre – kein Interesse.

    Ich fühle mich hier zuhause in meiner Stadt so wohl und möchte nicht woanders hin. Auch mein Bedürfsnis in den Urlaub zu fahren hält sich in Grenzen. Ich muss nicht die ganze Welt sehen, für mich heißt weniger eigentlich auch zufrieden zu sein mit dem, was jetzt hier ist. Und ich bin glücklich, wenn ich so wie vor 90 Minuten im Garten auf meiner grünen Wiese sitze und in den Himmel gucke.

    An sich kann ich mir grundsätzlich vorstellen, komplett ins Ausland zu ziehen, aber dann würde ich wieder mich für einen Ort entscheiden und mir dort ein Netz an Freunden und Bekanntschaften aufbauen. Aber ich bin froh, dass ich das nicht muss, weil ich bleibe hier :o)
    Liebe Grüße
    Nanne

    • Pia

      Hallo Nanne,

      Weniger heißt zufrieden sein mit dem, was jetzt hier ist – da stimme ich dir vollkommen zu. Das merke ich besonders, wenn ich unterwegs bin. Ich habe tatsächlich manchmal Heimweh.

      Übrigens war ich jetzt zum ersten Mal in Bremen. Wer da wohnt, muss echt nicht weg 😉

      LG
      Pia

      • Hallo Pia,
        Ja, hier muss man nicht weg – ich hoffe, wenn du das nächste Mal kommst, bin ich da und wir können uns treffen!
        Liebe Grüße
        Nanne

  5. Hallo Pia,

    ein schöner Artikel! … und danke für das Lob für meinen Vortrag! 🙂
    Ja, digitales Nomadentum ist nicht für jeden und jede das richtige.
    Die verschiedenen Definitionen von „Digitaler Nomade“ sind sich auch nicht einig, wieviel Reisen dazu gehört, oder ob die Ortsunabhängigkeit das Eigentliche ist, das die digitalen Nomaden ausmacht. Was aber natürlich tatsächlich so ist: als Digitaler Nomade sind Reisen und Urlaub zwei Paar Stiefel! Wir sind es so gewohnt, dass diese beiden Dinge zusammen gehören. Bei reisenden Digitalen Nomaden tun sie das nicht, genausowenig wie bei Geschäftsreisenden. Urlaub ist, wenn man nicht arbeitet. Die arbeitsfreie Zeit haben Digitale Nomaden aber dann natürlich da, wo sie möchten … so wie Du ja auch, die Wunschziele sind nur andere – Balkon versus Bali 😉

    Liebe Grüße!
    Andrea

    P.S.: seit gestern abend ist ein Aufschrieb des Frankfurter Vortrags bei uns auf dem Blog, wenn jemand nachlesen mag, was ich da gesagt habe.

  6. Komischerweise hat mich dieses Nomadentun damals auch schon nicht interessiert. Ein Leben ohne Besitz dagegen umso mehr. Ich glaube, die Grenze zwischen Freiheit und Flucht sind bei diesem Thema ziemlich fließend. Und wenn ich mir diese Colin Wrights und Tim Ferris dieser Szene so anschaue, kommt mir das irgendwie immer ein bisschen wie Flucht vor.

    • Auf Reisen suchen sich viele selbst. Kein Bedarf. Hab die Welt gesehen. Aaaber: Balkon gegen Bremen würde ich tauschen. 🙂

    • Pia

      Ja, dass das auch ein wenig mit Flucht zu tun hat, dachte ich auch immer. Vielleicht nicht bei allen. Zugeben würden das wohl nur wenige. Und was ist schon schlimm an grenzenloser Freiheit? Muss jeder für sich selber wissen.

  7. Ha … ha …. guter Artikel! Ich verfolge grade über YPUTUBE so einen „digitalen Nomaden“. DER hat ein komplett gehetztes Leben (merkt das allerdings nicht). Aber: why not? Jedem so, wie es ihm/ihr gefällt. Ich liebe mein digitales (und sesshaftes) Leben. Und ich kann jederzeit „weg“, wenn ich das möchte. Ist alles eine Frage des rechtzeitigen Einfädelns. Aber im Gegensatz zu dir, bin ich auch im Urlaub online (auch wenn nicht für Kunden erreichbar), It´s my life – und ich lebe es so, wie es mir gut tut. Und genau das bringt dein Artikel rüber. Wunderbar, danke!
    Sylvia

  8. Ob viel Reisen dazu gehört oder nicht entscheidet jeder digitale Nomade anders, hängt ja auch von anderen Faktoren ab, wie Projekt- oder Auftragslage, Lebenspartner usw.

    Viele bleiben 2-3 Monate in einer Stadt oder an einem Ort und ziehen dann weiter. Manche pendeln auch zwischen 2 oder mehr Orten. Manche überwintern als „Teilzeitnomade“ an warmen Orten und sind den Rest der Zeit in Deutschland.

    DEN digitalen Nomaden gibt’s net.

    Ich finde mit Urlaub oder Weltreise kann man das überhaupt nicht vergleichen. Natürlich machen auch digitale Nomaden einen Urlaub oder eine Reise, aber die wenigsten machen das öfter als im normalen Angestelltenverhältnis. Eher seltener, viele DN sind Workaholics 😉

    • Pia

      Hallo Florian,

      Vielen Dank für deinen Kommentar. Vielleicht habe ich die digitalen Nomaden in meinem Text zu sehr über einen Kamm geschert (geschoren? Wayne…). Es gibt halt einige, die sich sehr stark inszenieren und die prägen dann auch das Bild.

      War mir halt so überhaupt nicht in den Kopf will: Warum reist man an spannende Orte, um dann den ganzen Tag in einem Internet-Café vorm Notebook zu verbringen?

      LG
      Pia

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