„Und davon kann man leben?“

Beim Thema bewusst und minimalistisch leben kommt meiner Meinung ein Aspekt immer zu kurz: Die Arbeit und das liebe Geld. Also möchte werde ich jetzt hier ein paar Gedanken verlieren zum schnöden Mammon im Allgemeinen und zur Selbstständigkeit im Besonderen.

Über Geld redet man nicht, noch weniger als über Details des Sexlebens. So ist das hier in Deutschland. Höchstens der Glaube wird als noch privater empfunden als der Kontostand oder die Gehaltsabrechnung. Ich finde das — gelinde gesagt — total bescheuert. Wie viele Angestellte werden ungerecht bezahlt, weil sie nicht wissen, was ihre Kollegen verdienen? Wie viele Selbstständige ziehen in Verhandlungen den Kürzeren weil sie nicht wissen, was ihre Konkurrenz verlangt? Kurz gesagt: Wir kleinen Leute schießen uns mit dieser Haltung selber ins Knie, während die Chefs dieses Landes sich ins Fäustchen lachen.

Minimalismus bedeutet weniger Geld auszugeben für unnötige Dinge. Wer etwas nicht kauft muss das Geld dafür nicht erst verdienen, kann also weniger arbeiten und hat daher mehr Zeit für die schönen Dinge des Lebens. Ich finde diese Logik so unglaublich einfach und zutreffend, dass ich nicht verstehe wie viele Leute immer mehr arbeiten oder Schulden aufnehmen um immer mehr unnötigen Besitz anzuhäufen. Oder wie der US-amerikanische Humorist Will Rogers (1879-1935) sagte:

“Zu viele Leute geben Geld aus, das sie nicht verdient haben, um Dinge zu kaufen, die sie nicht wollen, um Leute zu beeindrucken, die sie nicht mögen.”

 

Er hat sowas von Recht!

Arbeiten müssen wir trotzdem, wenn wir nicht gerade ein Leben als selbstversorgende Einsiedler anstreben, die von dem zehren, was ihre Ziegen an Brauchbarem abwerfen. Und da ist dann der Haken an der Sache: Wer eine feste Vollzeitstelle hat kann sein Arbeitspensum und daher sein Einkommen nur schwer an seinen momentanen Geldbedarf anpassen. Jeder Personalchef würde entsetzt mit dem Kopf schütteln, wenn man in diesem Monat 40 Stunden in der Woche arbeiten möchte und im kommenden wieder nur 20. Diesen Luxus genießen nur die Selbstständigen, und nicht einmal davon alle (wer 10 Angestellte hat kann nicht plötzlich das Arbeiten einstellen). Daher finde ich auch viele Ratgeber wie beispielsweise „Die 4-Stunden-Woche: Mehr Zeit, mehr Geld, mehr Leben“ von Timothy Ferriss, die von solch flexiblen Arbeitsmodellen ausgehen, realitätsfern für die meisten seiner Leser.

Ich habe das Glück, über meine Arbeitszeit selbst entscheiden zu  können. Seit jetzt 1,5 Jahren bin ich Freiberuflerin, und ich habe noch keinen einzigen Tag bereut. Es ist für mich ein Luxus, dass ich mir freinehmen kann, wann ich will, dass ich nicht jeden Tag zur selben Uhrzeit aufstehen muss, dass ich Aufträge auch mal ablehnen kann. Auch wenn das bedeutet, dass ich weniger verdiene als ich es womöglich als Festangestellte täte. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass viele Angestellte insgeheim von der Selbstständigkeit träumen. Ich frage mich, ob das dieselben Leute sind, mit denen ich manchmal solche Gespräche führe:

„Und wo arbeitest du?“
„Ich bin selbstständig.“
„Ah… und als was?“
„Ich bin freie Journalistin, ich schreibe.“
„Und davon kann man leben?“

Dass die Produktion eines Textes echtes Geld wert ist, können einige Menschen nicht verstehen. Ich nehme es ihnen auch gar nicht übel, schließlich gibt es viele Verlage, die ähnlich denken (ich sage nur: 13 Cent pro Zeile). Noch besser bringt es folgender Dialog auf den Punkt, den es wirklich gegeben hat:

„… und dann habe ich mich direkt nach dem Volontariat selbstständig gemacht.“
„Oh, hast du keinen Job gefunden?“
„Ich habe gar nicht gesucht, ich wollte das so.“

Selbstständigkeit ist nicht gleichzusetzen mit Arbeitslosigkeit, auch wenn davon offenbar viele Nicht-Selbstständige überzeugt sind. Auch nicht mit Faulheit. Ich glaube nicht, dass alle Angestellten ihren vorgeschriebenen 8-Stunden-Tag auch mit acht Stunden Arbeit füllen. Mir ist es auch schon oft passiert, dass ich für einen Arbeitstag in einer Redaktion gebucht wurde und ab drei Uhr die Zeit totgeschlagen habe, weil es einfach nichts mehr zu tun gab. Wenn ich in meinem kleinen Heimbüro arbeite, dann beeile ich mich mit meinen Aufgaben. Je schneller und konzentrierter ich mich dem Projekt widme, desto eher bin ich fertig und desto mehr Freizeit habe ich. Kein Chef kann mir vorschreiben, dass ich noch länger an meinem Schreibtisch sitzen bleiben muss.

Geld bedeutet für mich Freiheit und Unabhängigkeit. Ich brauche ein gewisses Polster, um beruhigt einschlafen zu können. Das finanzielle Risiko, das viele Menschen an der Selbstständigkeit abschreckt, empfinde ich nicht als belastend. Eine freie PR-Beraterin hat kürzlich in einem Seminar über ihren Start in den Selbstständigkeit erzählt und den schönen Satz gesagt: „Das Leben trägt einen.“ Ihr gegenüber saßen 20 Journalisten der Westfälischen Rundschau, die gerade genauso wie 100 ihrer Kollegen ihren festen Job verloren hatten und nun zitternd vor der Möglichkeit der Selbstständigkeit standen. Jeder von ihnen hatte damit gerechnet, seine Arbeitsstelle bis zur Rente zu behalten. Und dann wurde die Zeitung einfach dicht gemacht. Wo bitte ist da die Sicherheit? Sicherheit habe ich, wenn ich mir ein Unternehmen aufbaue, dessen Entwicklung ich selbst bestimmen kann. So denke ich, aber die Sicherheitsfrage ist eine sehr subjektive. Ich erinnere mich lieber an diesen Satz der PR-Beraterin und denke nicht an all die Schrecken, die einem vielleicht passieren könnten.

Kürzlich tat sich für mich die Chance auf eine Festanstellung (ich muss beim Wort immer an das Lied von den Ärzten denken) auf. Gut bezahlt sei der Job, so wurde mir gesagt. Ein guter Verdienst bedeutet für viele Menschen in meiner Umgebung leider noch immer ein Status-Upgrade: Mehr Geld gleich Eigenheim und/oder teure neue Küche, Sommerurlaub in der DomRep, Skiurlaub und ein spritfressener Neuwagen mit allem technischen Schnickschnack, den es so gibt. Oder einen Mercedes. Ich komme da nicht mit. „Hast du schon gehört, XY hat sich jetzt den neuen YX gekauft.“ höre ich oft. Was bitte sagt es aus, wenn mir jemand erzählt, dass sich irgendwer, den ich kaum kenne, ein Auto gekauft hat, das ich noch weniger kenne? Was haben alle immer mit diesen Autos? Autos sind nervig, sie sind teuer und gehen ständig kaputt und leider ist man hier auf dem hügeligen Land auf sie angewiesen, weil sie einen von A nach B bringen. Was der Bus nur drei Mal am Tag schafft. Das fällt mir spontan dazu ein. Meiner Meinung nach ist man auch kein Versager, wenn man mit 35 noch in einer Mietwohnung lebt. Wofür man sein Geld ausgibt oder auch nicht, ist eine persönliche Entscheidung, in die einem niemand reinzureden hat.

Also versuchte ich mich in diese Situation einer Festangestellten hineinzuversetzen. Die Aufgabe: Interessant, aber nicht gerade mein Traumjob. Mein Alltag: Im besten Fall Gleitzeit, trotzdem Kernarbeitszeiten und 40-Stunden-Woche, Überstunden möglich, 30 Tage Urlaub im Jahr. Der Lohn: Mehr Geld. Aber weniger Zeit. Fazit: Wozu das Ganze? Ich habe jetzt das, wovon angeblich viele Angestellte träumen, nämlich einen Job, in dem ich mein eigener Chef bin, und soll es wieder aufgeben? Es wäre kein guter Tausch. Nicht Geld macht glücklich, sondern die Freiheiten, die es einem ermöglicht. Und wo sind meine Freiheiten hin, wenn ich den Großteil meiner wachen Zeit für jemand anderen arbeite?

Ich hoffe, dass sich für die Stelle jemand findet, der nicht von der Selbstständigkeit träumt. Jeder soll so arbeiten, wie es zu ihm oder ihr passt. Und den anderen ihren eigenen Weg zugestehen.

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3 Kommentare

  1. Miss Coolblue

    Hi!
    Ich kenne das Landproblem. Geringere Miete als in Städten, dafür braucht man ein Auto um rauszukommen. Wenn ich keine Hobbies hätte, käme ich wohl auch mit weniger aus. Ich habe mich aber für die Hobbies entschieden und versuche so Arbeitszeit, Geld und Freizeit in ein für mich günstiges Verhältniss zu bekommen… mit Festanstellung 😉 Ich bin nicht aus dem Holz geschnitzt mich komplett selbständig zu machen oder zumindest noch nicht an dem Punkt angekommen.

    Das man hier auf dem Land gern in vorgegebenen Normen leben sollte, juckt mich schon lange nicht mehr. Man ist zwar Anfeindungen ausgesetzt, aber eigentlich ist es oft mehr Neid. Denn in dem Fall merken sie dass ich eigentlich alles habe was man so benötigt und doch noch mehr als sie selbst. Dinge die sie sich nicht kaufen können.

    LG
    Mareike
    Mareike

  2. Hey,
    Der Artikel ist jetzt schon ein Jahr alt, sorry für die Verspätung :). Aber er spricht mir aus der Seele. Ich schreibe meine Doktorarbeit und bin darum grad nicht in der akuten Situation mich zwischen Festanstellung und Selbständigkeit zu entscheiden, aber für die Zukunft kann ich mir das sehr gut vorstellen und mache mir auch schon Gedanken über das wie und was. Bei andern Menschen stößt aber sogar das bloße Gedankenwälzen über Selbständigkeit als echte Alternative auf genaue die Fragen, die du in deinem Artikel stellst. Für eine echte Diskussion ist gar kein Platz vor lauter Bedenken… Aber irgendwie empfinde ich das sogar als Herausforderung :). Denen zeig ichs schon! Danke, dass du deine gelebte Erfahrung als Selbständige hier teilst. Das ist sehr interessant zu lesen!
    Liebe Grüße, Marisa

  3. Linda

    Bin auch ein bisschen spät dran, aber der Artikel hat mich bewegt. Danke für deinen Bericht über deine Selbstständigkeit. Ich bin erst jetzt über diesen Blog gestolpert. Ich persönlich kenne niemanden, der Selbstständig ist und nicht mindestens 12-14 Stunden arbeitet. Ich wohne in einer Kleinstadt und Abends und am Wochenende ist hier kein Bus in Sicht. Und ich kenne auch niemand, der so gut als Selbstständiger verdient, dass er mit dem Erlös von 2-4 Stunden Arbeit pro Tag zum Leben, hinkommt und dann auch tatsächlich aufhört zu arbeiten, weil es ausreicht. Ich kenne einen Kunstmaler, der ALG II bekam und dann in die Selbstständigkeit gedrängt wurde. Leider ist er nicht in der Lage ohne Zuschuss von seinem Geld zu leben. Wenn man ein Geschäft hat, fordert es die Kundschaft, dass man zu gewissen Zeiten den Laden geöffnet hat oder man muss viel arbeiten, weil das Produkt nicht genug abwirft. Diesmal ist man nicht von den Chefs abhängig sondern von den Kunden, die ihr Geld nicht rausrücken wollen. Bis jetzt habe ich noch keine bessere Arbeit gefunden als die, die ich habe. Ich war mal selbstständig im Gastronomiebereich. Auch zu lange Arbeitszeiten und dann auch Wochenende und Feiertage. Dazu muss ich sagen, dass ich nicht studiert habe und nicht weiß, was für Möglichkeiten man da so hat. Ich bin in 4 Jahren auf Rente und mein Mann bekommt sie schon und dann haben wir nicht viel Geld, aber genug zum Leben. Wir haben ein Haus, aber ich würde lieber in eine kleinere Eigentumswohnung ziehen ohne Garten (mein Rücken streikt bei der Gartenarbeit), aber mein Mann will im Haus bleiben. Ich kann also den Minimalismus hier nicht umsetzen. Aber im Haus habe ich angefangen. So weit es geht, möchte ich mit weniger materiellen Dingen auskommen, soweit ich sie nicht wirklich brauche und nur kaputte Dinge ersetzen, falls sie nicht mehr repariert werden können. Ich würde mich freuen über soviel Geld, dass wir unsere Schulden schnell bezahlen könnten. Ich bin nicht neidisch auf reiche Menschen.