Julia Engelmann: Kein Wort vom Lila-Wolken-Kater

Vielleicht, nein, sehr wahrscheinlich habt ihr das Video mit Poetry-Slammerin Julia Engelmann schon gesehen. Bei Facebook beispielsweise wurde man in den letzten Tagen ja geradezu überschüttet damit. Als ich das Filmchen gesehen habe, dachte ich sofort „Jo! Die Frau hat ja sowas von Recht!“ Das Leben passiert jetzt. Nicht aufschieben, sondern tun. YOLO eben. „Das Leben, das wir führen wollen, das können wir selber wählen“, sagt die Studentin. Stattdessen: „Mein Leben ist ein Wartezimmer. Niemand ruft mich auf. Mein Dopamin, das spar ich immer, falls ich´s nochmal brauch.“ Mit ihren Worten spricht sie offenbar einer ganzen Generation aus der Seele. Nur bleibt trotz aller Inspiration am Ende eine Frage offen: Was bitte schön sollen wir denn tun, um eines Tages tolle Geschichten erzählen zu können?

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Alle wollen glücklich sein, aber niemand weiß, was Glück eigentlich bedeutet. Es lauert irgendwo zwischen Impulskontrolle und Kontrollverlust. Tun, was man möchte, gegen tun, was man sollte. Sind es die verrückten Momente, in denen man einfach mal alle Regeln über Bord wirft und so handelt, wie der Bauch befiehlt? Feiern bis die Wolken lila werden? Auf Hochhäuser steigen und den Sonnenaufgang genießen? Oder zeigt sich Glück in dem Moment, in dem man ein Ziel erreicht, auf das man lange hingearbeitet hat? Die Sekunde, in der man über die Ziellinie der Marathonstrecke läuft. Davor lagen aber viele Tausend Sekunden, in denen man frühmorgens müde im Regen durch den Wald getrabt ist. Die Lunge schmerzt, das Knie zwickt. 42 Kilometer vor Augen, 3 in den Beinen. Wie oft hätte man in dieser Zeit betrunken vor Verrücktheit auf einen Hochhausdach stehend den Sonnenaufgang betrachten können …

Klar, es sind diese besonderen Momente, die man einst erzählen wird. Ob der Enkelsohn später auch hören möchte, wie man täglich acht Stunden mit Aktenstapeln und Kollegentratsch jongliert hat? Wie man Hundert Neins stoisch ertragen hat, bis das ersehnte Ja die Wende brachte? Wie man Tausend falsche Töne ignoriert hat, bis die Gitarre endlich ein erstes Lied hervorbrachte? Wie man schwitzend durch die Gegend lief und vom Marathon träumte? Wohl kaum. Unser Gedächtnis komprimiert unser Leben auf die wenigen Highlights. Bedeuten mehr Highlights also mehr Glück?

Wo bleibt das Glück bis dahin?

Große Ziele erreicht man aber nur mit vielen kleinen Schritten. Ärgerlicherweise. Die erfordern Disziplin und Geduld. Ein paar Stunden im Wartezimmer. Wie viele Stunden Warterei wiegen eine Sekunde Glück auf? Vierzig Jahre lang darben und sparen und sich auf die Rente freuen? Dieses Stück Kuchen nicht essen, um in einem Jahr in einen kleineren Bikini zu passen? Montags schon den Freitag herbeisehnen? Und wo bleibt das Glück bis dahin?

Der Text von Julia Engelmann gibt darauf keine Antworten. Beschreibt nur diese Sehnsucht nach dem Besonderen, dem Großen. Kein Wort vom Lila-Wolken-Kater am nächsten Nachmittag, vom quälenden Marathontraining. Sie beschreibt den Industrienationenmenschen, der starr vor seiner gewaltigen Entscheidungsfreiheit steht. Der gerne etwas Bemerkenswertes täte, aber sich nicht entscheiden kann. Der mit einem Auge auf den sozialen Abstieg schielt und mit dem anderen auf seine persönliche Freiheit.

Vielleicht wäre das Video weniger erfolgreich, wenn unsere Vorstellung von Glück nicht nur aus Momentaufnahmen bestehen würde. Und deren Wert sich nicht nur daraus ableiteten würde, wie gut sich Erlebnisse erzählen lassen. Auf der Suche nach dem Unvergesslichen übersieht man oft das dazwischen. Vielleicht ist es gerade diese Sehnsucht, von der Julia Engelmann spricht, die uns unglücklich macht. Man muss nicht Rockstar, Weltenbummler, Mathegenie, Schatzjäger, UN-Vorsitzender und Guru gewesen sein, um ein gutes Leben geführt zu haben. Ein Leben reicht für alle diese Pläne auch gar nicht aus. Der eine Sonnenaufgang auf dem Hochhaus, der eine Marathon, der eine Moment, in dem man erkennt, dass das Leben passiert während man sich nach etwas anderem sehnt – Stoff für zahlreiche Geschichten.

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7 Kommentare

  1. Janni

    Hi Pia, sehr schön geschrieben. Ich hab das Video natürlich auch schon gesehen und war auch beeindruckt wie sehr sie den Nerv der Zeit getroffen hat. Mir geht es nämlich irgendwie auch immer so, dass ich viel zu selten spontan einfach mal was mache, weil ich darauf Bock hab. Oft sind es aber genau diese Dinge, die am Ende Glücksmomente bescheren. Stattdessen schaut man viel zu oft was anderen machen, misst sich am Kollegen, Nachbarn oder ehemaligen Studienkollegen. Bringt nur nix und macht alles andere als glücklich. Aber, seit dem Video gebe ich mir öfter mal einen gedanklichen Tritt in den Popo und entscheide mich spontan doch noch loszufahren, -zulaufen, -zuwandern, zu… Worauf soll ich denn auch warten?

    • PiaMester

      Hey Janni,
      Jepp, du sprichst mir aus der Seele. Immer, wenn ich mich frage, soll ich das wirklich machen oder ist das nicht zu unvernünftig, denke ich an eine Zeile aus dem Lied „Memories“ von David Guetta (Ok, der ist nicht gerade als der größte Philosoph unserer Zeit bekannt): „All the crazy shit I did tonight, those will be the best memories“. Je bekloppter, spontaner und unvernünftiger die Aktion, desto länger erinnert man sich daran. Julia Engelmann hat das einfach nur noch ein bisschen schöner formuliert 😉

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