Entscheidungsfreiheit macht unzufrieden

Welche Praline hättens denn gern? Quelle: Helene Souza  / pixelio.de

Welche Praline hättens denn gern? Quelle: Helene Souza / pixelio.de

Je größer die Auswahl, desto schwerer die Entscheidung, desto unglücklicher der Mensch. Das ist die Kernaussage von Barry Schwartz Buch „The Paradox of Choice“. Wer es nicht lesen will, kann sich die Theorie in diesem Video vom Autor persönlich anhören. Das Buch ist schon zehn Jahre als und wird immer aktueller. Der amerikanische Psychologe widerspricht darin der weltweiten Meinung, dass sich größere Freiheit in mehr Wahlmöglichkeiten ausdrückt, was wiederum zu größerer Zufriedenheit führt.

Die Auswahl wird in allen Lebensbereichen immer größer (er bezieht sich auf die westlichen industrialisierten Staaten, in Drittländern hingegen seien die Wahlmöglichkeiten zu gering, um glücklich zu machen). Wir stehen im Supermarkt vor einem Weinregal mit 100 Sorten, müssen uns zwischen 70 Paar Joggingschuhen entscheiden, suchen in 15 verschiedenen Geschäften nach der perfekten Jeans und auf zahlreichen Vergleichsportalen nach dem richtigen Handy.

Habe ich den richtigen Weg genommen?

Aber die Qual der Wahl macht nicht beim Konsum halt. Nach der Grundschule müssen wir entscheiden, welchen Schulabschluss wir anstreben. Studium oder Ausbildung? Praktikum oder Auslandssemester? Welchen Beruf soll ich bloß wählen? Wo bewerbe ich mich oder soll ich mich selbstständig machen? Wie lange bleibe ich in dieser Firma? Soll ich die Beförderung annehmen? Die schicken mich für ein Jahr nach China, soll ich das machen? Huch, jetzt schwirrt mir der Kopf.

Das war dann also das Berufsleben. Dann schauen wir uns mal das Privatleben an. Ist er wirklich der richtige Partner? Stören mich seine (oder ihre) Macken zu sehr oder kann ich damit leben? Sollen wir zusammenziehen? Wohin? Haus oder Wohnung? Was kaufen oder mieten? Will ich heiraten? Wann ja, wann? Und ihn oder sie? Will ich Kinder? Wie viele? Erst Karriere? Oder schon im Studium? Wie sollen wir das Kind nennen? Kindergarten oder Tagesmutter? Oder bleibe ich zuhause? Oder bleibt mein Partner/meine Partnerin zuhause?

„Wir müssen jeden Morgen entscheiden, wer wir sind.“

Neben den ganzen großen Lebensentscheidungen fällen wir jeden Tag dutzende kleine Entscheidungen. Was ziehe ich heute an? Was soll ich kochen? Soll ich lieber zunächst das erledigen oder hat das andere Priorität? Wann rufe ich am besten irgendwo an? Soll ich die Blumen mal wieder gießen? Gehe ich heute Abend zum Sport? Wann mache ich Mittagspause? Soll ich jetzt mit dem Kollegen reden oder lieber später? Noch ein Kaffee?

Barry Schwartz geht sogar so weit zu sagen: „Wir müssen jeden Morgen entscheiden, wer wir sind.“

Jede Entscheidung für etwas bedeutet eine Entscheidung gegen etwas anderes. Besonders bei den großen Lebensentscheidungen kommt man da schnell mal ins Grübeln: Hätte ich vielleicht doch besser den anderen Weg genommen? Je größer die Auswahl, desto schwieriger die Entscheidung. Wir wollen schließlich die beste Wahl treffen. Deshalb schieben wir die Entscheidung auf und sind hinterher trotzdem unzufrieden. Wir sind nämlich selber schuld, wenn eine Wahl sich im Nachhinein als nicht perfekt herausstellt. Mit der Auswahl wachsen nämlich auch unsere Erwartungen an das Ergebnis. Barry Schwartz Fazit klingt vielleicht etwas übertrieben: „Das Geheimnis des Glücks sind niedrige Erwartungen.“ Trotzdem hat er im Grunde Recht.

Tja, und was kann man nun tun, um die Auswahl zu beschränken, die Erwartungen an seine Entscheidung zu senken und damit zufriedener zu sein? Wie wäre es damit:

  • Sich einer Religionsgemeinschaft anschließen (Vorschlag von Mr Schwartz persönlich): Diese gibt moralische Werte vor, an die man sich nur noch zu halten braucht. Fragt doch mal den Papst, welche Ratschläge seine Kirche für den ganzen Partner-Ehe-Kinder-Bereich gibt.
  • Sich schnell entscheiden: Im selben Interview spricht Schwartz von „Maximizern“ und „Satisficern“. Erstere versuchen die perfekte Entscheidung zu treffen, indem sie sich vorher alle möglichen Informationen besorgt und alle Wahlmöglichkeiten im Kopf durchspielt. Die zweite Gruppe entscheidet sich einfach für das Erstbeste und denkt dann nicht weiter über das „was wäre, wenn“ nach. Werdet also zu Satisficern: Entscheidet euch zügig und steht dann zu dieser Wahl.
  • Keine Vergleichsportale lesen: Je kleiner und günstiger das Produkt, desto besser ist es, wenn ihr wenig darüber wisst. Wollt ihr wirklich eure Zeit damit verschwenden, Testberichte von Zahnpasten zu durchforsten, nur um die perfekte Creme zu finden? Sauber machen sie schließlich alle. Und ob das Brot von der einen Marke nun besser ist als das andere – satt machen beide. Wenn ihr das Risiko nicht scheut, könnt ihr so auch bei größeren Anschaffungen verfahren. Nehmt das erste Handy, das euch gefällt, statt tagelang Funktionen und Akkulaufzeiten zu vergleichen. Nehmt den erstbesten Fernseher. Kauft das erste Auto, das euch interessiert. Wer nicht lange nachdenkt, entdeckt viel leichter günstige Gelegenheiten.
  • Das Positive an einer Entscheidung sehen: Vielleicht hätte das andere Handy schönere Fotos gemacht, aber das, für das ihr euch entschieden habt, ist schneller im Internet. Think positive!
  • Kleine Geschäfte: Bevorzugt Läden mit wenig Auswahl. Wenn es dort nur eine Honigmarke gibt, dann nehmt ihr eben die. Basta.
  • Andere entscheiden lassen: Es gibt ganze Branchen, deren Erfolg darauf beruht, dass sie Menschen ihre Entscheidungen abnehmen. Personal Trainer etwa. Jeder weiß ja, dass 30 Situps besser sind als 10, aber wir raffen uns leichter dazu auf, wenn jemand neben uns steht und uns bei unseren Übungen anschreit. Es ist also gar nichts schlimmes dabei, andere für sich entscheiden zu lassen (natürlich nur bei halbwegs unwichtigen Sachen, lasst euch bloß nicht verheiraten oder einen Job aufs Auge drücken, den ihr nicht wollt!). Ihr kennt jemanden, der ein Experte im Bereich Multimedia-Entertainment-Gedöns ist? Dann fragt ihn doch, welchen Fernseher er euch empfehlen würde, und nehmt den. Lasst euch Dinge schenken, etwa zum Geburtstag oder zu Weihnachten. Lasst euer Reisebüro euren Urlaub auswählen (vorher Strand oder Berge und Budget angeben). So schlagt ihr zwei Fliegen mit einer Klappe: Ihr müsst euch selber weniger Mühe machen und werdet außerdem noch überrascht.
  • Limits setzen: Beschränkt eure Auswahl, indem ihr euch selbst Limits setzt. Ihr wollt einen Wein kaufen. Dann legt vorher fest, dass er nicht mehr als fünf Euro kosten darf, weiß, trocken und aus Spanien sein soll. Ihr werdet keine fünf Minuten brauchen, um unter 100 Sorten den richtigen Wein zu finden. Ihr wollt umziehen. Entscheidet euch zunächst für eine Stadt, für die Art der Behausung (Dreizimmerwohnung oder Haus mit Garten oder was dazwischen), setzt euch ein Kostenlimit und ein Zeitlimit. Dann stellt diese Parameter in allen Suchmaschinen ein und lasst alle anderen Angebote außen vor.

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12 Kommentare

  1. Ich werde das Buch zwar nicht lesen, weil ich schon alleine die Sache mit der Religion nicht gut finde, aber dieses Thema spukt schon seit einiger Zeit in meinem Kopf herum: diese unglaubliche Fülle, die Qual der Wahl – die sicher auch ein Faktor ist, warum wir zu viel haben.
    Ich sortiere gerade meine Kleidung (dein Buch dazu habe ich auch gelesen und find’s gut). Auch da ist es angebracht, weniger Auswahlmöglichkeiten zu haben.
    Grüße aus Köln, Franka

  2. Lina

    Ja, es stimmt, immer diese Entscheidungen, manchmal sind sie wirklich furchtbar. Deshalb sind tägliche Rituale wichtig, wie ich finde. Ach, und wie einfach wäre es, nie mehr darüber nachdenken zu müssen, was man anziehen soll…
    Das mit der Religion gefällt mir allerdings auch so gar nicht, aber viele der anderen Tipps sollte man wirklich mal umsetzen.
    Meinen Kleiderschrank habe ich auch schon sehr minimiert, perfekt finde ich ihn aber noch lange nicht, weil ich noch einiges habe, was ich gar nicht 100%ig gut finde…naja, das dauert noch.
    Jedenfalls ein sehr interessantes Thema!

  3. Danke für diesen tollen Beitrag!

    Genau meine Gedanken, deshalb finden ja viele Sekten bzw. Religionsgemeinschaften mit strengen Regeln so viele neue Schäfchen, da sich die Menschen nach Regeln sehnen, weil das Leben zu viel Auswahl bietet. Man will schließlich das Beste aus seinem Leben machen, man hat ja nur das Eine, aber man ist mit den Möglichkeiten überfordert. Man will immer glücklicher sein als die anderen, allerdings wähnt man diese glücklicher als sie sind. Ich werde mir das Buch wohl nicht besorgen – da meine derzeitige Leseliste schon so lang ist ^^ aber ich hör mir gleich den Votrag an 🙂

  4. Danke für die Buch-/Theorievorstellung! Ich finde, die Tipps sollte man vor allem bei kleinen Alltagsentscheidungen berücksichtigen, die können unglaublich viel Zeit und Energie rauben. Bei wichtigen Lebensentscheidungen und teuren Käufen würde ich dann doch lieber aufs Bauchgefühl hören, genau nachdenken und näher recherchieren. Liebe Grüße, Marlene

  5. Christoph

    Hallo!
    Meine Loesung – sei bewusst, fuehl, leb langsamer! Das ist wichtig Raum fuer die Entscheidungen zu haben.
    Gruesse!

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