Der Mythos Quality Time

In letzter Zeit begegnet mir immer wieder ein Begriff, an dem ich mich stoße: Quality Time. Qualitäts-Zeit also. Damit ist wohl die Zeit gemeint, die man mit Freunden und Familie verbringt. Allerdings nicht einfach nur gemeinsam verbrachte Zeit, das wäre nämlich Quantity Time, sondern sinnvoll miteinander verbrachte Zeit. Wie jedoch weiß ich, wann Zeit sinnvoll ist oder nicht? Vielleicht stört mich an diesem Begriff besonders, dass er nur durch Abgrenzung zu erklären ist. Hier kommt mein Versuch:

Hochwertig vs. minderwertig: Wenn ich mit meiner Schwester gemeinsam einen Film anschaue und wir uns dabei nicht unterhalten, haben wir zwar Zeit miteinander verbracht, aber war diese dann auch hochwertig? Oder hätten wir die 90 Minuten lieber für ein tiefschürfendes Gespräch verwenden sollen?

Wenig vs. viel Zeit: Möglicherweise ist meine Woche so vollgepackt mit Terminen, dass mir nur eine Stunde am Dienstagnachmittag für jemanden bleibt. Fülle ich diese eine Stunde mit hochwertigen Aktivitäten und Gesprächen, gilt sie also mehr? Im Berufsleben würde ich diesen Gedanken sofort unterschreiben. Manche Menschen sitzen acht Stunden im Büro ab, andere konzentrieren sich, schaffen dieselbe Leistung in zwei Stunden und nehmen sich danach frei. Aber funktioniert das auch für Beziehungen?

Geplant vs. ungeplant: Samstag zwischen 11.30 Uhr und 12.30 Uhr hätte man noch einen Termin frei. Also sitzt man gemeinsam mit der Freundin im Café, schielt ständig auf die Uhr und versucht, die gemeinsam verbrachte Zeit zu veredeln. Klingt für mich weder entspannend noch machbar. Genuss und Zeitdruck schließen sich sich meines Verständnisses nach gegenseitig aus.

Alleine vs. gemeinsam: Jeder Mensch braucht Zeit für sich, für die eigenen Hobbys, zum Nichtstun. Ist also die Zeit, die ich alleine mit mir selber verbracht habe, ebenfalls Quality Time? Oder muss ich diese dann als Verschwendung abhaken?

Druck vs. Entspannung: Auf Kommando entspannen funktioniert nicht. Wenn man also denkt „Jetzt muss ich Quality Time mit meiner Familie verbringen“, hat man sich den Weg schon selber abgeschnitten. Denn da die Zeit ja sinnvoll verbracht werden muss, macht man sich selber Druck. Demnach wäre Quality Time eigentlich unmöglich.

Arbeit vs. Freizeit: „Wer von seinem Tag nicht zwei Drittel für sich selbst hat, ist ein Sklave“, hat Friedrich Nietzsche einmal gesagt. Arbeit ist das Gegenteil von Freizeit, ein notwendiges Übel also. Dummerweise verbringen die meisten berufstätigen Menschen den Großteil ihrer wachen Zeit damit, ihren Beruf auszuüben. Und diejenigen, die keinen Job haben, sehnen sich danach. Im Zusammenhang mit dem Begriff Quality Time fällt auch immer wieder der der „Work-Life-Balance“. Vor einigen Jahren habe ich einmal an einem Seminar zu dem Thema teilgenommen. Im Grunde ging es darum, wie man seinen Traumjob findet. Wenn man also eine Tätigkeit ausübt, die weniger unter finanziellem oder sozialem Zwang geschieht, dann kann auch diese Zeit Quality Time sein. Dann allerdings nehmen wir in Kauf, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit immer mehr verschwimmen. Balance jedoch erfordert Gleichgewicht, also eine Aufteilung der persönlichen Lebenszeit in Tätigkeiten, die wir genießen, ohne eine Leistung erbringen zu müssen, und einer sinnstiftenden, zielgerichteten Aufgabe, die auch mit Anstrengung einhergehen kann. Arbeitslosigkeit und Rente belasten, weil die sinnvolle Tätigkeit fehlt (übrigens kann auch ehrenamtliches Engagement diese Lücke ausfüllen). Überarbeitung und fehlende Freizeit hingegen führen zum Burnout. Wo also verortet man zwischen all diesen Ansprüchen die Quality Time?

Und nun? Vergesst den Begriff Quality Time und schickt den ganzen Quatsch mit der Work-Life-Balance zum Teufel. Je mehr man seine Zeit an solchen Theorien misst, desto weniger kann man sie genießen. Sei es Freizeit oder Arbeitszeit, alleine oder gemeinsam, kurz oder lang, durchgeplant oder spontan. So, und jetzt gucke ich erst einmal aus dem Fenster und tue gar nichts.