Traumberuf oder Brotjob?

Job

Quelle: picjumbo.com

Vor einigen Wochen habe ich eine Frage gehört, die mich seitdem beschäftigt: „Wenn ihr es euch aussuchen könntet, würdet ihr einen Job annehmen, der euch keinen Spaß macht, aber gut bezahlt wird? Oder würdet ihr lieber einen Job annehmen, der euch Spaß macht, aber schlecht bezahlt wird?“ Spontan hätte ich mich sofort für die zweite Möglichkeit gemeldet. Aber so einfach ist das nicht. Continue reading…

7 Tage, 7 Dinge, Woche 46: Esoterik

Esoterik

Was für ein Zufallsfund! Da lagert doch tatsächlich noch eine Umzugskiste auf dem Dachboden, die ich seit sechs Jahren nicht geöffnet habe. Und was finde ich darin? Ein peinliches Kapitel meiner Jugend. Ja, ich gebe es zu, ich war mal auf einem etwas seltsamen Trip. Ich habe mit meiner mir auferlegten Religion (katholisch) gehadert und mich esoterischen Themen zugewandt. Zeitweise habe ich sogar versucht mir einzureden, dass es sowas wie magische Orte gibt, alte Bäume, die die Energie ihrer Zeit gespeichert haben und so. Und dass der Zeitpunkt meiner Geburt irgendetwas über mich aussagt. Heute denke ich, dass das alles Humbug ist. Sowohl, was übersinnliche Wesen, Kräfte, Götter oder Bestimmung bzw. Schicksal angeht. Leben passiert einfach, da kann auch ein magischer Baum oder ein Aszendent oder eine Kirche nichts dran ändern.Indianer

Und da ich nur sieben Esoterik-Lebensweisheiten-Bücher gefunden habe, schiebe ich noch das Indianer-Bastelbuch hinterher.

Wenn euch eines der Bücher interessiert, meldet euch einfach bei mir. Ansonsten gebe ich sie in die Büchersammlung oder in einen Second-Hand-Shop.

Entscheidungsfreiheit macht unzufrieden

Welche Praline hättens denn gern? Quelle: Helene Souza / pixelio.de

Welche Praline hättens denn gern? Quelle: Helene Souza / pixelio.de

Je größer die Auswahl, desto schwerer die Entscheidung, desto unglücklicher der Mensch. Das ist die Kernaussage von Barry Schwartz Buch „The Paradox of Choice“. Wer es nicht lesen will, kann sich die Theorie in diesem Video vom Autor persönlich anhören. Das Buch ist schon zehn Jahre als und wird immer aktueller. Der amerikanische Psychologe widerspricht darin der weltweiten Meinung, dass sich größere Freiheit in mehr Wahlmöglichkeiten ausdrückt, was wiederum zu größerer Zufriedenheit führt.

Die Auswahl wird in allen Lebensbereichen immer größer (er bezieht sich auf die westlichen industrialisierten Staaten, in Drittländern hingegen seien die Wahlmöglichkeiten zu gering, um glücklich zu machen). Wir stehen im Supermarkt vor einem Weinregal mit 100 Sorten, müssen uns zwischen 70 Paar Joggingschuhen entscheiden, suchen in 15 verschiedenen Geschäften nach der perfekten Jeans und auf zahlreichen Vergleichsportalen nach dem richtigen Handy.

Habe ich den richtigen Weg genommen?

Aber die Qual der Wahl macht nicht beim Konsum halt. Nach der Grundschule müssen wir entscheiden, welchen Schulabschluss wir anstreben. Studium oder Ausbildung? Praktikum oder Auslandssemester? Welchen Beruf soll ich bloß wählen? Wo bewerbe ich mich oder soll ich mich selbstständig machen? Wie lange bleibe ich in dieser Firma? Soll ich die Beförderung annehmen? Die schicken mich für ein Jahr nach China, soll ich das machen? Huch, jetzt schwirrt mir der Kopf.

Das war dann also das Berufsleben. Dann schauen wir uns mal das Privatleben an. Ist er wirklich der richtige Partner? Stören mich seine (oder ihre) Macken zu sehr oder kann ich damit leben? Sollen wir zusammenziehen? Wohin? Haus oder Wohnung? Was kaufen oder mieten? Will ich heiraten? Wann ja, wann? Und ihn oder sie? Will ich Kinder? Wie viele? Erst Karriere? Oder schon im Studium? Wie sollen wir das Kind nennen? Kindergarten oder Tagesmutter? Oder bleibe ich zuhause? Oder bleibt mein Partner/meine Partnerin zuhause?

„Wir müssen jeden Morgen entscheiden, wer wir sind.“

Neben den ganzen großen Lebensentscheidungen fällen wir jeden Tag dutzende kleine Entscheidungen. Was ziehe ich heute an? Was soll ich kochen? Soll ich lieber zunächst das erledigen oder hat das andere Priorität? Wann rufe ich am besten irgendwo an? Soll ich die Blumen mal wieder gießen? Gehe ich heute Abend zum Sport? Wann mache ich Mittagspause? Soll ich jetzt mit dem Kollegen reden oder lieber später? Noch ein Kaffee?

Barry Schwartz geht sogar so weit zu sagen: „Wir müssen jeden Morgen entscheiden, wer wir sind.“

Jede Entscheidung für etwas bedeutet eine Entscheidung gegen etwas anderes. Besonders bei den großen Lebensentscheidungen kommt man da schnell mal ins Grübeln: Hätte ich vielleicht doch besser den anderen Weg genommen? Je größer die Auswahl, desto schwieriger die Entscheidung. Wir wollen schließlich die beste Wahl treffen. Deshalb schieben wir die Entscheidung auf und sind hinterher trotzdem unzufrieden. Wir sind nämlich selber schuld, wenn eine Wahl sich im Nachhinein als nicht perfekt herausstellt. Mit der Auswahl wachsen nämlich auch unsere Erwartungen an das Ergebnis. Barry Schwartz Fazit klingt vielleicht etwas übertrieben: „Das Geheimnis des Glücks sind niedrige Erwartungen.“ Trotzdem hat er im Grunde Recht.

Tja, und was kann man nun tun, um die Auswahl zu beschränken, die Erwartungen an seine Entscheidung zu senken und damit zufriedener zu sein? Wie wäre es damit:

  • Sich einer Religionsgemeinschaft anschließen (Vorschlag von Mr Schwartz persönlich): Diese gibt moralische Werte vor, an die man sich nur noch zu halten braucht. Fragt doch mal den Papst, welche Ratschläge seine Kirche für den ganzen Partner-Ehe-Kinder-Bereich gibt.
  • Sich schnell entscheiden: Im selben Interview spricht Schwartz von „Maximizern“ und „Satisficern“. Erstere versuchen die perfekte Entscheidung zu treffen, indem sie sich vorher alle möglichen Informationen besorgt und alle Wahlmöglichkeiten im Kopf durchspielt. Die zweite Gruppe entscheidet sich einfach für das Erstbeste und denkt dann nicht weiter über das „was wäre, wenn“ nach. Werdet also zu Satisficern: Entscheidet euch zügig und steht dann zu dieser Wahl.
  • Keine Vergleichsportale lesen: Je kleiner und günstiger das Produkt, desto besser ist es, wenn ihr wenig darüber wisst. Wollt ihr wirklich eure Zeit damit verschwenden, Testberichte von Zahnpasten zu durchforsten, nur um die perfekte Creme zu finden? Sauber machen sie schließlich alle. Und ob das Brot von der einen Marke nun besser ist als das andere – satt machen beide. Wenn ihr das Risiko nicht scheut, könnt ihr so auch bei größeren Anschaffungen verfahren. Nehmt das erste Handy, das euch gefällt, statt tagelang Funktionen und Akkulaufzeiten zu vergleichen. Nehmt den erstbesten Fernseher. Kauft das erste Auto, das euch interessiert. Wer nicht lange nachdenkt, entdeckt viel leichter günstige Gelegenheiten.
  • Das Positive an einer Entscheidung sehen: Vielleicht hätte das andere Handy schönere Fotos gemacht, aber das, für das ihr euch entschieden habt, ist schneller im Internet. Think positive!
  • Kleine Geschäfte: Bevorzugt Läden mit wenig Auswahl. Wenn es dort nur eine Honigmarke gibt, dann nehmt ihr eben die. Basta.
  • Andere entscheiden lassen: Es gibt ganze Branchen, deren Erfolg darauf beruht, dass sie Menschen ihre Entscheidungen abnehmen. Personal Trainer etwa. Jeder weiß ja, dass 30 Situps besser sind als 10, aber wir raffen uns leichter dazu auf, wenn jemand neben uns steht und uns bei unseren Übungen anschreit. Es ist also gar nichts schlimmes dabei, andere für sich entscheiden zu lassen (natürlich nur bei halbwegs unwichtigen Sachen, lasst euch bloß nicht verheiraten oder einen Job aufs Auge drücken, den ihr nicht wollt!). Ihr kennt jemanden, der ein Experte im Bereich Multimedia-Entertainment-Gedöns ist? Dann fragt ihn doch, welchen Fernseher er euch empfehlen würde, und nehmt den. Lasst euch Dinge schenken, etwa zum Geburtstag oder zu Weihnachten. Lasst euer Reisebüro euren Urlaub auswählen (vorher Strand oder Berge und Budget angeben). So schlagt ihr zwei Fliegen mit einer Klappe: Ihr müsst euch selber weniger Mühe machen und werdet außerdem noch überrascht.
  • Limits setzen: Beschränkt eure Auswahl, indem ihr euch selbst Limits setzt. Ihr wollt einen Wein kaufen. Dann legt vorher fest, dass er nicht mehr als fünf Euro kosten darf, weiß, trocken und aus Spanien sein soll. Ihr werdet keine fünf Minuten brauchen, um unter 100 Sorten den richtigen Wein zu finden. Ihr wollt umziehen. Entscheidet euch zunächst für eine Stadt, für die Art der Behausung (Dreizimmerwohnung oder Haus mit Garten oder was dazwischen), setzt euch ein Kostenlimit und ein Zeitlimit. Dann stellt diese Parameter in allen Suchmaschinen ein und lasst alle anderen Angebote außen vor.

Julia Engelmann: Kein Wort vom Lila-Wolken-Kater

Vielleicht, nein, sehr wahrscheinlich habt ihr das Video mit Poetry-Slammerin Julia Engelmann schon gesehen. Bei Facebook beispielsweise wurde man in den letzten Tagen ja geradezu überschüttet damit. Als ich das Filmchen gesehen habe, dachte ich sofort „Jo! Die Frau hat ja sowas von Recht!“ Das Leben passiert jetzt. Nicht aufschieben, sondern tun. YOLO eben. „Das Leben, das wir führen wollen, das können wir selber wählen“, sagt die Studentin. Stattdessen: „Mein Leben ist ein Wartezimmer. Niemand ruft mich auf. Mein Dopamin, das spar ich immer, falls ich´s nochmal brauch.“ Mit ihren Worten spricht sie offenbar einer ganzen Generation aus der Seele. Nur bleibt trotz aller Inspiration am Ende eine Frage offen: Was bitte schön sollen wir denn tun, um eines Tages tolle Geschichten erzählen zu können?

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Alle wollen glücklich sein, aber niemand weiß, was Glück eigentlich bedeutet. Es lauert irgendwo zwischen Impulskontrolle und Kontrollverlust. Tun, was man möchte, gegen tun, was man sollte. Sind es die verrückten Momente, in denen man einfach mal alle Regeln über Bord wirft und so handelt, wie der Bauch befiehlt? Feiern bis die Wolken lila werden? Auf Hochhäuser steigen und den Sonnenaufgang genießen? Oder zeigt sich Glück in dem Moment, in dem man ein Ziel erreicht, auf das man lange hingearbeitet hat? Die Sekunde, in der man über die Ziellinie der Marathonstrecke läuft. Davor lagen aber viele Tausend Sekunden, in denen man frühmorgens müde im Regen durch den Wald getrabt ist. Die Lunge schmerzt, das Knie zwickt. 42 Kilometer vor Augen, 3 in den Beinen. Wie oft hätte man in dieser Zeit betrunken vor Verrücktheit auf einen Hochhausdach stehend den Sonnenaufgang betrachten können …

Klar, es sind diese besonderen Momente, die man einst erzählen wird. Ob der Enkelsohn später auch hören möchte, wie man täglich acht Stunden mit Aktenstapeln und Kollegentratsch jongliert hat? Wie man Hundert Neins stoisch ertragen hat, bis das ersehnte Ja die Wende brachte? Wie man Tausend falsche Töne ignoriert hat, bis die Gitarre endlich ein erstes Lied hervorbrachte? Wie man schwitzend durch die Gegend lief und vom Marathon träumte? Wohl kaum. Unser Gedächtnis komprimiert unser Leben auf die wenigen Highlights. Bedeuten mehr Highlights also mehr Glück?

Wo bleibt das Glück bis dahin?

Große Ziele erreicht man aber nur mit vielen kleinen Schritten. Ärgerlicherweise. Die erfordern Disziplin und Geduld. Ein paar Stunden im Wartezimmer. Wie viele Stunden Warterei wiegen eine Sekunde Glück auf? Vierzig Jahre lang darben und sparen und sich auf die Rente freuen? Dieses Stück Kuchen nicht essen, um in einem Jahr in einen kleineren Bikini zu passen? Montags schon den Freitag herbeisehnen? Und wo bleibt das Glück bis dahin?

Der Text von Julia Engelmann gibt darauf keine Antworten. Beschreibt nur diese Sehnsucht nach dem Besonderen, dem Großen. Kein Wort vom Lila-Wolken-Kater am nächsten Nachmittag, vom quälenden Marathontraining. Sie beschreibt den Industrienationenmenschen, der starr vor seiner gewaltigen Entscheidungsfreiheit steht. Der gerne etwas Bemerkenswertes täte, aber sich nicht entscheiden kann. Der mit einem Auge auf den sozialen Abstieg schielt und mit dem anderen auf seine persönliche Freiheit.

Vielleicht wäre das Video weniger erfolgreich, wenn unsere Vorstellung von Glück nicht nur aus Momentaufnahmen bestehen würde. Und deren Wert sich nicht nur daraus ableiteten würde, wie gut sich Erlebnisse erzählen lassen. Auf der Suche nach dem Unvergesslichen übersieht man oft das dazwischen. Vielleicht ist es gerade diese Sehnsucht, von der Julia Engelmann spricht, die uns unglücklich macht. Man muss nicht Rockstar, Weltenbummler, Mathegenie, Schatzjäger, UN-Vorsitzender und Guru gewesen sein, um ein gutes Leben geführt zu haben. Ein Leben reicht für alle diese Pläne auch gar nicht aus. Der eine Sonnenaufgang auf dem Hochhaus, der eine Marathon, der eine Moment, in dem man erkennt, dass das Leben passiert während man sich nach etwas anderem sehnt – Stoff für zahlreiche Geschichten.