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Authentizität oder wie du einfach du selbst sein kannst

Sicher kennst du einen Menschen, den du als Mogelpackung bezeichnen würdest. Jemanden, der nicht „echt“ ist. Dabei wollen wir alle doch einfach nur wir selber sein. Warum ist das so schwer? Und wie wird es leichter?

Guckst du gerade „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!„? Ich schon. Und ich schäme mich nicht dafür. Weil es keinen Grund gibt. All die pseudointellektuellen Tagesschau-Gucker, die das Dschungelcamp gerne als „Unterschichten-Fernsehen“ oder „Ekel-TV“ abstempeln, haben es einfach nicht verstanden. Es geht ja nicht um Busenblitzer und Kakerlaken-Cocktails sondern nur um die Frage: Welcher der Kandidaten ist er selbst und wer spielt nur eine Rolle? Wann lassen die Menschen dort ihre Masken fallen?

Ich finde deshalb, dass das Dschungelcamp ein wunderbares Lehrstück zum Thema Authentizität ist. Denn am Ende gewinnt doch immer der Kandidat, der er selbst geblieben ist. Heulsusen und Angeber werden so lange in die Dschungelprüfungen gewählt, bis sie über sich hinauswachsen. Eine Art Katharsis. Sehr unterhaltsame Katharsis, das muss ich zugeben.

Das ist meiner Meinung nach auch der Grund, warum so viele Menschen solche Formate gucken, auch wenn sie es nicht zugeben. Wir fragen uns, wie wir uns verhalten würden. Wir sehen uns selber in diesem Urwald mit dem Blick der Zuschauer: Wie würde ich auf die Menschen wirken? Würde ich mich trauen, ich selbst zu sein?

Man selber sein, nur besser.

Ich glaube damit haben viele ein Problem. Wir wollen ja eigentlich nicht nur wir selbst sein, sondern wir selbst 2.0. Die besser Version, das Update mit mehr Witz, Intelligenz, Know-How, Lebenserfahrung und einem ausgesuchten Geschmack. Und weil das nicht geht, tun wir einfach so. „Fake it, ‚til yo make it“, wie man so schön sagt. So wird man allerdings nicht Dschungelkönig.

Authentizität ist das genaue Gegenteil. Der Duden definiert „authentisch sein“ als „echt; den Tatsachen entsprechend und daher glaubwürdig“. Schein ist gleich Sein. Man ist halt so, wie man ist. Sich selbst die Erlaubnis zu geben, einfach man selbst sein zu dürfen, auch wenn man sich nicht perfekt findet, ist ein sehr befreiendes Gefühl. Sicher kennst du das: Bist du lieber unter Menschen, bei denen du dich nicht verstellen musst? Oder lieber in Situationen, die das erfordern, etwa in einem Vorstellungsgespräch oder einer Polizeikontrolle („Ich habe wirklich keine Ahnung, warum Sie mich anhalten!“). Nicht authentisch zu sein erfordert auch immer mehr oder weniger große Lügen. Und wer lügt schon gerne?

Bist du authentisch?

Du weißt es nicht? Hast du dich schon mal gefragt, ob du…

  • …immer auch das tust, was du sagst? Oder predigst du Wasser und trinkst insgeheim Wein? Wenn du damit prahlst, dass du niemals Fleisch aus Massentierhaltung essen würdest, dann solltest du dir nicht in der nächstbesten Pommesbude eine Currywurst einverleiben. Ich habe mich lange gefragt, ob ich nicht zu wenig minimalistisch lebe, um darüber schreiben zu können. Deshalb versuche ich, keinen falschen Eindruck zu erwecken. Ich lebe nicht in einer leeren Wohnung und schaffe es oft nicht, mich an meine guten Vorsätze zu halten. Das habe ich allerdings auch nie behauptet, und deshalb denke ich nicht, dass mein Leben im Widerspruch zu meinen Texten steht.
  • …du immer deine eigene Meinung vertrittst? Besonders schwer fällt einem das in Gruppen. Du bist auf einer Party und dort sind alle der Meinung, dass die Kommune doch endlich mal die Schlaglöcher in den Straßen stopfen sollte (Lokalpolitik ist ja immer ein heiß diskutiertes Thema). Du denkst aber, dass die Stadt das Geld lieber für den Erhalt des Freibades aufwenden sollte und die ganzen Autofahrer sich nicht so anstellen sollen. Aber sagst du das auch? Vertrittst du deine Meinung oder schweigst du lieber, um nicht anzuecken? Nicht, dass du mich falsch verstehst: Du musst nicht immer überall deinen Senf dazu geben. Du findest das Kind deiner Großcousine hässlich wie die Nacht? Na, und? Behalte deine Meinung für dich, wenn sie andere unnötig verletzt. Das ist keine Ehrlichkeit, sondern Boshaftigkeit.
  • …deine Stärken und Schwächen kennst und dazu stehst? Oder überspielst du lieber, dass du etwas nicht kannst? Das Gute in einer so großen und differenzierten Gesellschaft wie unserer ist ja gerade, dass du nicht alles können musst. Wenn du partout keinen Bock hast, dir eine Fähigkeit anzueignen, dass such dir jemanden, der es kann. Du hast keine Ahnung, wie eine Umsatzsteuervoranmeldung funktioniert? Dann geh zu einem Steuerberater! Du kannst nicht tapezieren, weil du zwei linke Hände und nur Pudding in den Armen hast? Wozu gibt es Maler? Es tut so gut, einfach mal zu sagen: „Das kann ich nicht!“, anstatt herumzudrucksen und dabei panisch zu überlegen, wie man das hinbekommt. Genauso gut fühlt es sich an, wenn man seine Stärken ausspielen kann.
  • …ehrlich mit deinen Gefühlen umgehst? Du bist nicht jeden Tag dieselbe Person. Mal bist du super gelaunt, dann geht mal wieder alles schief und du bist total am Boden. Deshalb musst dich auch nicht immer den Fröhlichen oder die Lustige spielen. Manchmal geht es dir halt mies, das dürfen deine Mitmenschen ruhig merken. Wenn dich das nächste Mal jemand fragt, wie es dir geht, dann sag nicht automatisch „Gut!“, sondern versuche ehrlich zu antworten.
  • …du dich oft mit anderen vergleichst? Bist du oft neidisch oder fühlst dich anderen Menschen überlegen? Siehst du dich also nur in Relation zu Anderen? Du willst so ein wie der eine, aber auf keinen Fall so wie jemand anderes. Wirst du auch nie, weil du immer du bist. Manchmal werden Leute ja nach ihren Vorbildern gefragt. Da ist mir nie jemand eingefallen. Klar, ich hätte gerne die Figur von Beyoncé Knowles, das Hirn von Steve Hawking und den fiesen Humor von Carolin Kebekus. Aber es gibt keine Person, ich so perfekt finde, dass ich gerne ganz genauso wäre.
  • … Ja sagst, obwohl du Nein meinst? Passiert mir sehr oft: Jemand bittet mich um einen Gefallen und ich sage automatisch Ja. Das kommt einfach so aus meinem Mund, ich kann da nichts gegen tun. Und hinterher ärgere ich mich, weil ich das nicht wollte. Nein-Sagen erfordert viel Übung und in manchen Situationen auch viel Mut. Diese Woche habe ich zu etwas Nein gesagt, das ich absolut nicht wollte. Mir ist selten so ein großer Stein vom Herzen gefallen.

Zum Thema Authentizität (oh, dieses Wort!) hat Christa Goede eine tolle Interviewreihe auf ihrem Blog. Links zu Seiten, die ich interessant finde, teile ich übrigens auf meiner Facebook-Seite.

Was macht für dich Authentizität aus? Wann fällt es dir schwer, du selbst zu bleiben? Ich freue mich auf deine Kommentare!

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19 Kommentare

  1. Ich halte mittlerweile eher die Klappe, weil ich meine Ruhe will. Das ist meine Form des Minimalismus.

    Hab ich ein Recht auf Desinteresse und kann zu meinen Schwächen stehen oder muss ich ständig über mich hinauswachsen? Da hab ich noch keine Antwort drauf gefunden. Ihr?

  2. Hi Pia,

    auch wenn ich absolut kein Fan vom Dschungelcamp bin, finde ich deine Sicht auf dieses „Spektakel“ richtig gut. Nicht jedem geht es bei dieser Sendung um die nackten Tatsachen.

    Ich selbst zu sein bedeutet mir inzwischen sehr viel. Noch vor ein paar Jahren habe ich mich häufig nach anderen gerichtet und versucht es allen recht zu machen. Dadurch hatte ich irgendwie meine eigene Identität verloren und wusste selbst nicht genau, was ich eigentlich will und wer ich überhaupt bin. Inzwischen bin ich so oft es geht ganz ich selbst. Das fühlt sich einfach richtig und gut an und kommt auch bei meinen Mitmenschen besser an. Wir haben nur ein Leben. Das sollten wir dazu nutzen wir selbst zu sein.

    LG Silke

  3. Ich war die letzten beiden Tage zweimal sehr überrascht von Fremdwahrnehmung gegenüber mir – im Positiven! Gestern meinte eine Kommilitonin (wir studieren beide Frühpädagogik und es ging darum, dass leider viele Erzieherinnen bereitwillig das Klischee der kaffeetrinkenden Aufpasserin erfüllen): „Also bei dir glaube ich, du bist auf der Arbeit eine ganz Motivierte!“ Und heute habe ich mit zwei anderen ein Referat gehalten, eine andere aus meiner Gruppe meinte, sie sei mit sich selbst und dem Ablauf nicht so ganz zufrieden gewesen und ich meinte daraufhin, ich sei eigentlich ziemlich zufrieden mit uns, woraufhin eine Kommilitonin, die dabei stand, sagte: „Du bist auch immer am Strahlen wenn ich dich sehe!“ Ich bin echt immer erschlagen, wenn ich so positives Feedback bekomme. 😀

    Ich denke, wir sollten uns viel häufiger trauen, einfach wir selbst zu sein – wer damit nicht klarkommt, hat dann ganz einfach Pech gehabt. 😉

    • PiaMester

      Hallo Mirka,

      So ein Kompliment bekommt man doch gerne, oder? Nicht dafür, dass man irgendwas gemacht hat, sondern weil man so ist, wie man eben ist.

      LG
      Pia

  4. Hallo Pia

    Gelesen habe ich deinen Artikel heute morgen beim Frühstück, dir etwas zu schreiben, dazu komme ich erst jetzt. Klasse, wie du alles auf einen Punkt bringst. Ansonsten finde ich, dass der erste Schritt zur Authentizität ist, zu sich selber ehrlich zu sein. Ich zumindest kenne es leider nur zu gut, dass ich nicht nur anderen, sondern vor allem mir selber etwas vorgemacht habe. Ich bin aus diesem “Mir geht es prima, alles ist gut und perfekt”-Muster noch lange nicht heraus, aber es hat sich schon einiges geändert und damit geht es nicht nur mir besser, auch das Verhältnis zu meinen Mitmenschen verändert sich positiv. Von daher kann ich nur sagen: Authentizität ist nicht immer einfach, lohnt sich aber.

    Liebe Grüße,
    Daniela

    • PiaMester

      Hallo Nuria,

      Ehrlich zu sich selbst zu sein ist ein guter Punkt. Danke für die Ergänzung!

      LG
      Pia

  5. Auch wenn mich dieser Kommentar womöglich in die Kategorie „pseudointellektuell“ katapultiert: Ich habe das Dschungelcamp noch nie gesehen, deshalb kann ich da nicht mitreden.
    Generell finde ich Shows, in denen Teilnehmer Seelenstriptease begehen oder sich in blamablen Situationen wiederfinden und dies zu Unterhaltungszwecken eines Publikums zur Schau gestellt wird, nicht gut. Allerdings war das schon im alten Rom so – heute bezahlt ja Gott sei Dank keiner mehr mit dem Leben…
    Ich glaube kein Mensch schafft es, durchgehend authentisch zu sein. Ob wir wollen oder nicht, wir tragen alle zu der einen oder anderen Gelegenheit unsere Masken. Wenn wir das nicht täten, würde die Gesellschaft womöglich gar nicht funktionieren. Ein Journalist hatte vor einigen Jahren einmal den Versuch unternommen, über einen vorher festgelegten Zeitrahmen kompromisslos authentisch zu leben. In der Folge hatte er Job und Freunde los.
    Logischerweise fühle ich mich in der Gesellschaft überwiegend authentischer Menschen wohler und mich selbst besser, wenn ich so sein kann, wie ich bin.

    • PiaMester

      Hallo Tomar,

      Da hast du natürlich recht, wir spielen immer eine gewisse Rolle. Auf der Arbeit ist man vielleicht der Gewissenhafte und unter Freunden der Lustige. Aber ich denke, das müssen nicht unbedingt aufgesetzte Rollen sein, sondern es sind einfach verschiedene Seiten der eigenen Persönlichkeit. Im besten Fall natürlich.

      LG
      Pia

  6. L.

    Gerade dir als ausgebildeter Journalistin (oder hast du was anderes studiert?!) sollte klar sein, dass Formate wie das Dschungelcamp ganz bestimmt nicht den Teilnehmer so abbilden, wie er ist oder wie er sich entwickelt. Insofern sind deine Ausführungen „Lehrstück zum Thema Authentizität“ unzutreffend, eher ist es ein Lehrstück für den Bereich Beeinflussung größerer Bevölkerungsschichten durch Massenmedien. Intellektuelle Grüße, L.

    • PiaMester

      Hallo L.,

      Nein, ich habe was anderes studiert.
      Klar, die Regie vom Dschungelcamp schneidet die Szenen so zusammen, dass beim Zuschauer ein bestimmter Eindruck entsteht. Vielleicht gibt es zwei Kandidaten, die den ganzen Tag Bullshit von sich geben, aber nur von dem einen wird das gezeigt. Und der ist dann natürlich unten durch.
      Beeinflussung großer Bevölkerungsschichten? Also ich weiß nicht, wie du darüber denkst, aber ich halte die Zuschauer nicht für so blöd, dass sie das nicht durchschauen. Im Prinzip ist es aber auch egal, ob dieser Reality-Sendung eine Dramaturgie zugrunde liegt.
      Ich sehe es trotzdem als Lehrstück zum Thema Authentizät – darüber, wie andere auf Authentizität reagieren. Die Zuschauer wollen nämlich einen Helden haben, der sich entwickelt und über sich hinaus wächst. Der Fehler hat und diese eingesteht. Das erwarten sie auch von fiktiven Geschichten, in denen das deshalb fast immer der Fall ist. Also: Ausgewogene Charaktere, die gleichzeitig gut und schlecht sind, eben beide Seiten von sich zeigen, kommen gut an. Vielleicht ist nicht alles, was im Dschungelcamp gezeigt wird, objektiv oder sogar echt. Aber die Zuschauer honorieren das, was sie als authentisch empfinden.
      Übrigens sind auch normale, scheinbar nüchterne Nachrichten heute meistens durchkomponiert und orientieren sich an Erzähltheorien aus der Literatur. Journalisten müssen immer entscheiden, was sie zeigen oder schreiben, allein schon aus Platzgründen. Irgendetwas fehlt immer. Du wirst also nirgends eine vollkommen objektive und nüchterne Berichterstattung finden, außer du bist selbst vor Ort.

      Dumme Grüße zurück
      P.

  7. Ein sehr schöner und ehrlicher Artikel, danke dafür! Gerade beim Bloggen finde ich es wichtig, dass man sich nicht als perfekter Experte für eine Sache ausgibt über die man bloggt, sondern auch mal zugibt, dass man selbst auch mal „schlechte“ Momente hat.
    Vorhin erst habe ich einen Beitrag von Leo Babauta gelesen, der ja auch Zen To Done verfasst hat und ehrlich von seinen teilweise überhaupt nicht perfekten Tagesroutinen berichtet.

  8. Pingback: Ernährungs- und Fitnessblogs am Sonntag, 24.01.2015

  9. Dennis

    Hallo meine Name ist Dennis und ich hab ein Problem ich möchte der sein der ich frühere war ich weiß selbst nicht wer ich wirklich bin ich vernachlässige meine Eltern ich ändere jede Minute ein anderes ich
    Ich brauche wirklich Hilfe ich war jeden Tag sehr Nett zu meinen Eltern haben über alles geredet und das fehlt mir ich möchte mein altes ich wieder zurück
    Ich bräuchte einfach mit dem ich mich unterhalten kann und darüber sprechen kann wie zb ihr ich möchte wieder meinen Eltern liebe zeigen meiner Freundin gegenüber freundlich sein ihr immer zuhören

  10. Grooveshark does propose audio to you personally depending on what is currently in the playlist in case you click the broadcast key along with won’t specify a new genre.

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